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Sommerabend im Gefängnis

Wort zum Sonntag, 23.07.2017 (6. So. n. Trinitatis)

Es ist ein warmer Sommerabend. Am Rand des Sportplatzes in der JVA steht ein Grill. Männer vom Chor und von der Musikband des Gefängnisses haben sich versammelt. Zwei stehen beim Grill, die anderen sitzen an Bierzeltgarnituren. Auf den Tischen stehen Salate, Brot und Ketchup. Die Gefängnisseelsorger haben eingeladen. Bald sind die ersten Würstchen fertig. Es wird geplaudert und  gelacht. Dann werden die Notenhefte verteilt. Einer von den Gefangenen begleitet unser Singen auf der Gitarre. Ein Vollzugsbeamter, der aus Sicherheitsgründen dabei ist, sagt: „In solchen Momenten vergessen die Gefangenen für einen Augenblick, dass sie im Gefängnis sind.“

 

In diesem Moment ist es wie draußen; jedenfalls fast so. Natürlich gibt es kein Bier zur Bratwurst. Alkohol ist streng verboten im Gefängnis. Mauern und Zäune sind auch vom Sportplatz der JVA aus gut sichtbar. Aber das tritt in diesem Moment in den Hintergrund. Das Augenmerk liegt jetzt auf der Musik, dem Sonnenschein, dem gemeinsamen Essen, dem Hauch von Freiheit. „Die Gefangenen haben zwar ihre Straftaten begangen“, sagt der Beamte „aber sie sind ja auch nur Menschen.“

Ein Mensch ist mehr als seine Straftaten. Jeder, der im Gefängnis arbeitet, erlebt das Tag für Tag. Auch mit Dieben, Brandstiftern und Mördern kann man normal reden. Sie alle haben Grenzen überschritten und anderen Leid zugefügt. Manchmal sehr großes Leid. Aber  sie sind Menschen wie du und ich.  Auch sie haben ihre Talente. Neben den musikalischen Talenten gibt es viele andere Talente. Einige allerdings haben es schwer gehabt, ihre Talente überhaupt erst zu entdecken. Sie sind im Heim oder in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen und schon früh auf die schiefe Bahn geraten.

Jesus stieß bei seinen Zeitgenossen auf Unverständnis, wenn er sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzte. Aber sein Leitsatz war: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken“. Ausdrücklich hat er seiner Kirche aufgetragen, die Inhaftierten nicht zu vergessen. Im Matthäusevangelium sagt er: "Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen."

An diesem Sommerabend scheint noch lange die Sonne. Um 19.30 Uhr jedoch ist unsere Zeit um. Es geht zurück zu den Hafthäusern.  Wenig später ist jeder Gefangene allein in seiner Zelle. Die Tür wird von außen verschlossen wie an jedem Abend.

Pastor Carsten Junge,
Seelsorge in der Justizvollzugsanstalt Uelzen
und in der Abteilung Lüneburg

 

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