• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Startseite Wort zum Sonntag „Womit habe ich das verdient?“

„Womit habe ich das verdient?“

Wort zum Reformationstag, 31.10.2017

Am Strand. Die Wellen rauschen. Am Himmel blitzen Sterne. Ihr Urlaub neigt sich, es ist der letzte Abend. „Willst du mich heiraten?“ Plötzlich kniet er nieder. Damit hat sie nicht gerechnet. Sie muss erstmal tief durchatmen. Dann stottert sie „Ja“. Ein paar Monate später sitzen die beiden mir gegenüber. Wir planen ihre Hochzeit. „Ich kann es noch immer nicht glauben“, sagt die Braut: „Dass er mich so sehr liebt. Ausgerechnet mich. Womit habe ich das verdient?“

Sie lügt. Als ihre Eltern nach der Mathearbeit fragen. Sie hat eine Fünf geschrieben, aber sie sagt: „Ist gut gelaufen.“ Und als der Vater die Arbeit sehen will, behauptet sie: „Die wurde gleich wieder eingesammelt.“ Damit ist die Lüge in der Welt. Na klar: Es kommt raus. Als ihre Mutter die Mathe-Lehrerin zufällig beim Einkaufen trifft. „Meine Eltern waren so enttäuscht“, erzählt sie später. „Ich dachte: sie vertrauen mir nie wieder. Aber dann haben wir lange geredet. Und am Ende haben sie mich in den Arm genommen. Ich war total erleichtert. Aber ich frage mich schon: Dass sie mir verzeihen - womit habe ich das eigentlich verdient?“

München Hauptbahnhof: Der Mann war schon vor zwei Jahren dabei, als die Züge mit den Flüchtlingen kamen. Und als „Willkommenskultur“ noch angesagt war. Der Wind hat sich gedreht. Inzwischen wird in München die rechte Flanke geschlossen. Aber der Mann steht noch immer am Bahnsteig: Um Geflohene – die wenigen, die es noch bis hierher schaffen – willkommen zu heißen. Mit Süßigkeiten und Stofftieren für die Kinder. Mit einem Lächeln für die erschöpften Eltern. Er versucht die abfälligen Kommentare mancher Passanten zu überhören: „Die wollen sich doch nur auf unsere Kosten ein schönes Leben machen. Mit denen gibt’s bloß Ärger. Dass du den Flüchtlingen hilfst – womit haben die das überhaupt verdient?“

Liebe, Vergebung oder Mitgefühl – kann man sich nicht verdienen. Man bekommt sie geschenkt. Gott sei Dank, denn stellen Sie sich vor: Wir bekämen immer nur, was wir verdient haben. Nicht mehr. Das wäre gnadenlos.

Nein: Was im Leben wirklich zählt, bekommen wir geschenkt. Unverdient, bedingungslos, einfach so. Das ist bei Hochzeitspaaren genauso, wie zwischen Eltern und Kindern oder bei Nothelfern: Achtung, Respekt, Vertrauen, eine zweite Chance, Anerkennung, Freundschaft, Geborgenheit – all das: ein Geschenk.

31. Oktober 1517. Auf den Tag genau vor 500 Jahren. In Wittenberg, so erzählt es die Legende, schlägt Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche. Und bald erbebt das Abendland und die allmächtige Kirche wankt. Denn: Mit seinen Thesen stellt Martin Luther alles auf den Kopf, was damals gilt. Gegen Papst und Kaiser behauptet er: Niemand, kein Mensch, kann sich Gottes Liebe oder Gottes Vergebung, seine Gnade, verdienen. Nicht durch gute Taten oder ein möglichst makelloses Leben. Und erst recht nicht durch den Kauf eines Ablassbriefes. Drum: Bemüht euch gar nicht erst, liebe Leute, spart euer Geld. Es bringt ja eh nichts. Einen Gott, der euch gnädig und liebevoll annimmt, den könnt ihr euch niemals erarbeiten, kaufen oder verdienen. Keine Chance.

Aber: Das müsst ihr auch gar nicht. Gott liebt euch nämlich einfach so. Bedingungslos. Ohne Vorleistung. Also nicht, weil ihr etwas könnt oder tut oder leistet. Sondern um euretwillen. Darüber kann man staunen und sich freuen. So wie jene Braut über die Liebe ihres Mannes.

Und so wie die Eltern ihrer Tochter die Mathearbeits-Lüge verzeihen, gibt Gott uns nicht auf. Seine Gnade ist groß. Und wir bekommen sie geschenkt. Mindestens so erleichtert wie die Schülerin ist Martin Luther, als er das erkennt. Er erinnert sich später: Unablässig, Tag und Nacht, dachte ich darüber nach bis ich bei Sankt Paulus las: ‚Sie werden allesamt ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.’ Da hatte ich das Gefühl, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies eingetreten.“

Uelzen, am 31. Oktober 2017. Wir feiern ein großes Fest. Mitten in der Stadt. Mit Musik und gutem Essen, mit einer Stadtwette, einem großen Gottesdienst und vielen Begegnungen. Wir erinnern und an Martin Luther. Dessen Botschaft ist nicht verstaubt, auch nach 500 Jahren nicht. Was die Menschen damals getröstet und stark gemacht hat, gilt auch uns: Gott steht auf unserer Seite. Er steht zu uns, selbst dann noch, wenn alle anderen sich abwenden. So wie der Mann am Münchener Hauptbahnhof. Warum? Nicht weil wir es uns verdient haben. Sondern aus Liebe, aus Gnade allein. Wir sind es ihm wert. Einfach so.

Bleibt uns dann wirklich gar nichts zu tun? Darauf antwortet Martin Luther in seiner letzten These: „Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Haupt Christus nachfolgen und auf ihn trauen.“ Also: Vertraut. Bleibt dran. Haltet euch an Gott. Mehr braucht es nicht. Denn alles andere: bekommen wir geschenkt.

Pastor Florian Moitje,
Ev.-luth. Kirchengemeinden St. Marien Uelzen und Veerßen,
Geschäftsführer Diakonieverband Nordostniedersachsen

 

Glaubens-Info: Reformation

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Er wendete sich damit gegen die damals übliche Ablasspraxis: Gläubige konnten sich durch den Kauf von Ablassbriefen von der befürchteten göttlichen Strafe für ihre Sünden freikaufen. Mit dem Ablasshandel finanzierte die Kirche u. a. den Bau des Petersdoms in Rom.

Martin Luther wies dagegen nach intensivem Bibelstudium während seiner Zeit als Mönch im Erfurter Augustinerkloster in seinen 95 Thesen darauf hin, dass Gott seine Liebe den Menschen „ohne Verdienst“ (Römerbrief, Kapitel 3)und „allein durch Gnade“ (lat.: sola gratia) schenke. Er stellte sich damit gegen Kirche und Kaiser.

Auf dem Reichstag in Worms wurde er dazu gedrängt, seine Position zu widerrufen. Er hielt aber an seinen Überzeugungen fest, wurde daraufhin für vogelfrei erklärt und floh auf die Wartburg. Dort übersetzte er die Bibel in die deutsche Sprache.

Aus Luthers Anhängern ging später die evangelische Kirche hervor.

 

 

Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Hesekiel 36,26

Tageslosung

Montag, 20. November 2017
Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes.
Jesus sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.

Copyright 2017 Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen. Alle Rechte vorbehalten.