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Israelsonntag

Wort zum Sonntag, 16.08.2020 (10. So. n. Trinitatis)

Frau M. stutzt. Davon hat sie noch nie was gehört: „Worum geht es da? Etwa um den heutigen Staat Israel?“ Sie ist seit kurzem Lektorin in ihrer Gemeinde und schaut sich gerade die Lesungen für den kommenden Sonntag an. Dazu blättert sie in dem Buch, in dem die biblischen Texte für die Gottesdienste stehen. Und bald findet sie auch Erklärungen: Schon seit dem Mittelalter geht es am 11. Sonntag nach Pfingsten um das Verhältnis des Christentums zum Judentum.

An diesem Sonntag, der bis in die 1960er Jahre häufig „Judensonntag“ genannt wurde, standen meist zusammen mit einer antijüdischen Bibelauslegung eine ablehnende Abgrenzung vom Judentum und der Mission an Jüdinnen und Juden im Vordergrund. Erst nach der Shoah, dem Holocaust, setzte nach und nach ein Umdenken ein.

Beim Studium der Schrift und im christlich-jüdischen Dialog entwickelte sich ein Bewusstsein für die enge Verbindung des Christentums mit dem Judentum und für die bleibende Erwählung des Judentums zum Volk Gottes. Jesus war ja selbst Jude. Und das Neue Testament hat jüdische Wurzeln und ist ohne diese nicht zu verstehen.

Frau M. ist neugierig geworden. Sie liest weiter und schaut ins Internet. So erfährt sie, dass der „Israelsonntag“ in zeitlicher Nähe zum 9. Tag des jüdischen Monats Aw liegt, an dem bis heute im Judentum der Zerstörung des salomonischen Tempels 586 v. Chr. und des herodianischen Tempels 70 n. Chr. gedacht wird. Und dass er auch als Gedenktag der Zerstörung Jerusalems und als Bußtag verstanden wird. Lange Zeit wurde dabei polemisch mit dem Finger auf das angeblich unbußfertige blinde und gescheiterte Judentum gezeigt, anstatt eigene Blindheit gegenüber dem Judentum und eigene Schuld gegenüber jüdischen Mitmenschen wahrzunehmen.

Frau M. wird ganz nachdenklich: „Ist es heute nicht auch wieder so – oder immer noch so? Wenn zum Beispiel die Palästina-Politik der israelischen Regierung z. B. pauschal „den Juden“ zugeschrieben wird. Und dabei dann noch eigene politische und wirtschaftliche Verstrickungen und Schuld vergessen werden ...“

Inzwischen ist Frau M. ganz gespannt auf den Gottesdienst und die Predigt am kommenden Sonntag. Und auf die Gespräche darüber. Sie will aufmerksam hinhören – und dann auch etwas dazu sagen. Besonders, wenn ganz beiläufig antijüdische Vorurteile laut werden.

Pastorin Birgit Hagen
Klinikseelsorge Bad Bevensen

 

 

Tageslosung

Samstag, 19. September 2020
Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm entgegen und blieb unversehrt?
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.


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