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Wo bist Du, Jesuskind?

Weihnachtsbetrachtung von Jörg Hagen, Propst in Uelzen

Liebe Leserinnen und Leser!

„Das geht ja gar nicht!“ – So würden unter Garantie die meisten Menschen reagieren, wenn an Weihnachten die Krippen in den Häusern und Kirchen leer bleiben würden.

Das ginge gar nicht, denn schließlich ist Weihnachten der Geburtstag Jesu. Da gehört das Kind in die Krippe – in die Mitte der Szene, „in reinlichen Windeln im nächtlichen Stall“. Dazu die Eltern Maria und Josef. Ochs und Esel, die ihren Herrn kennen, stehen beobachtend dabei. Etwas im Hintergrund dürfen die Hirten nicht fehlen und natürlich die Könige mit ihren reichen Gaben. Und darüber schwebt „jubelnd der Engelein Chor“.

Eine schöne Idylle. So stellen wir es uns vor, so muss es sein. Etwas für das Auge, fein gearbeitet, manchmal prächtig und kostbar und irgendwie auch harmlos.

Aber war es so? Bei den schönen Idyllen ist nichts zu spüren von der Kälte und dem Wind, die sicher damals im Stall geherrscht haben, nichts vom strengen Geruch der Tiere und der Armut der Menschen, nichts von der Verlassenheit und der Einsamkeit, die spürbar sind, wenn es in der Weihnachtsgeschichte heißt: „Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Nein, die Geburt Jesu in Bethlehem dürfte nicht so idyllisch, warm und nett gewesen sein. Und das war sicher Absicht. Gerade darauf weist der fehlende Jesus im passenden Ambiente des diesjährigen Weihnachtbildes.

Wo bist du, Jesuskind?

Wo bist du, Jesuskind –
du holder Knabe im lockigen Haar?

Bist du der Idylle des Stalls entwichen,
der mit Ochs und Esel so idyllisch nicht war,
bist der Welt entflohen,
die ohne Herberge für dich war?

Oder bist du nur eine Fata Morgana,
ein Ausdruck der Sehnsucht der Menschen
nach einem fleischgewordenen Gott?

Dieser unbekannte Gott,
der sich nicht beschreiben und begreifen lässt,
der nur Metapher ist für das absolut Größte?

Hast du dich versteckt unter den Hirten,
bist ausgerissen in das Dasein der Armen,
bist verborgen in allen Menschenkindern?

Wir müssen uns wohl auf den Weg machen,
dich zu finden, dich aufzuspüren,
gerade dort, wo wir dich nicht vermuten!

Irmela Mies-Suermann

Die Leerstelle stört die Idylle, sie erinnert daran, dass Jesus nicht nur zu den schönen Idyllen gehört, sondern auch und wohl noch viel mehr an anderen Orten zu finden, ja vielleicht dorthin entwichen ist: in die Trostlosigkeit der Obdachlosenasyle am Heiligen Abend, zu den in dicke Schlafsäcke Gekrochenen in den hinteren Ecken der Bahnhöfe, in die Verwahrlosung der Wohnungen, in denen die Kinder Drogensüchtiger oder Alkoholkranker aufwachsen, in die Einsamkeit der nach Ende der Spätschicht dunklen Pflegeheime, in das Elend der völlig überfüllten Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln …

Weihnachten gilt zu Recht als das christliche Fest der Freude. Zu Weihnachten feiern wir die Ankunft Gottes bei uns auf Erden. Dieses Fest zeigt die Liebe Gottes zu den Menschen, zu allen Menschen – auch und gerade zu denen im Elend. Er will es hell und freundlicher machen in uns und auf dieser Welt. Weihnachten mit seiner Friedensbotschaft ist ein tolles Zeichen, es ermutigt und bewegt, will erfreuen und stärken. Ein Fest, das uns froh machen und in Bewegung setzen will in unseren Häusern, mit unseren Familien, Freunden und Bekannten – aber auch bei denen in Elend und Not.

Darum dürfen wir Weihnachten nicht verharmlosen, kommerzialisieren und verkitschen. Denn dann geht seine in Bewegung setzende und stärkende Botschaft verloren: Gott ist euch nahe, der Helfer ist da.

Das Bild der leeren Krippe erinnert mich an Gottes frohmachendes Kommen und richtet zugleich meinen Blick in die Richtung, in die auch Gott blickt: auf die am Rande, auf die, die Hilfe und Beistand brauchen, Besuche und Zuspruch. Die leere Krippe weitet meinen Blick, macht Mut, auch selbst auf die Dunkelheiten unserer Tage zu blicken, mich mit meinen Möglichkeiten auf die Suche zu machen und zu fragen: „Wo, Gott, bist du heute zu finden?“

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles und gesegnetes Weihnachtsfest 2019.
Ihr Jörg Hagen, Propst in Uelzen

 

 

Tageslosung

Sonntag, 12. Juli 2020
5. Sonntag nach Trinitatis
Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen.
Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.


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