• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Demut

Wort zum Sonntag, 23.08.2020 (11. So. n. Trinitatis)

„So kommst du nicht nach Japan!“, sage ich zu meiner Tochter als sie ohne zu fragen vom Esstisch aufsteht. Es funktioniert und der neunjährige Japanfan setzt sich wieder hin, schließlich ist Höflichkeit und Rücksicht dort eine unverzichtbare Tugend. Auch das Verbeugen übt sie natürlich. Nun will ich zwar nicht die Zeit von Kratzefuß und Hofknicks zurück, aber ein bisschen Selbstbeschränkung zum Wohl der anderen finde ich nicht verkehrt.

Nun kann man ja auf beiden Seiten vom Pferd fallen und lange Zeit wurde die Bibel dazu benutzt, Menschen klein zu machen. So klingt zunächst auch der Bibelvers für diesen Sonntag: „Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“

So redet heute kein Mensch mehr und das ist vielleicht auch gut so, doch dass Gott kein Freund von Platz-da-hier-komm-ich-Gehabe ist gefällt mir. Ich glaube, dass Gott selbst eher still und unauffällig in unserer Welt da ist. Und wenn wir füreinander Platz machen, hat möglicherweise auch Gott die Chance unter uns einen Fuß auf den Boden zu bekommen.

Heute sprechen wir lieber von Achtung und Respekt füreinander. Demut meint aber auch in der Bibel nicht die Haltung eines vorbildlichen Dienstmädchens, sondern die Einsicht in die menschliche Begrenztheit. Ich bin angewiesen auf andere Menschen und auf Gott. Ich bin sogar abhängig von der Liebe, der Arbeit und der Freundlichkeit anderer Menschen und von Gottes Liebe, Arbeit und Freundlichkeit auch.

Klar hätte ich nichts dagegen, eine tolle Superheldin zu sein und an die eigenen Grenzen zu stoßen tut weh. Doch viel beeindruckender als tönende Angeber sind doch Leute, die ihre eigene Begrenztheit kennen und ehrlich Hilfe und Rat von anderen annehmen können. Leute, die wegen ihrer eigenen Fehler mit anderen fehlerfreundlich umgehen. Leute, die Dankbarkeit ausstrahlen gegenüber der Welt und Gott. Die Bibel würde sie demütig nennen.

Pastorin Friederike Holtz,
Ev.-luth. Kirchengemeinde Wriedel

 

Tageslosung

Samstag, 19. September 2020
Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm entgegen und blieb unversehrt?
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.


Copyright 2020 Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen. Alle Rechte vorbehalten.