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Der Friedhof – ein Stück Geschichte

Wort zum Sonntag, 22.11.2020 (Letzter So. / Ewigkeitssonntag)

„Lass uns doch auf dem Friedhof spazieren gehen! Die Sonne scheint. Etwas Bewegung täte uns ganz gut.“ Wir hatten genüsslich Kaffee getrunken und ausgiebig Kuchen gegessen. Draußen lockte ein schöner, klarer Herbsttag. Dennoch schaute mein Besuch mich etwas sparsam an. Es war weniger wegen des Spaziergangs. Es war das Ziel, das ihm Falten auf die Stirn trieb. „Was soll ich denn auf dem Friedhof?“ Den Hundertwasserbahnhof, die Ilmenau, das alte Rathaus, die St.-Marien-Kirche… alle Sehenswürdigkeiten Uelzens hatte ich ihm schon gezeigt. Nun fehlte nur noch der Friedhof.

Es gibt gute Gründe, auf dem Friedhof spazieren zu gehen. Zum einen liegt er wie ein Stadtpark mitten im Zentrum, schnell zu erreichen und wunderbar angelegt mit alten, hohen Bäumen, kleinen Alleen, Heide- und Steinbeeten.

Zum anderen sind Friedhöfe immer auch ein Teil unserer Stadt- und Dorfgeschichte. Gräber erzählen von alteingesessenen Familien, die seit Jahrhunderten hier gewohnt, gelebt und den Ort geprägt haben. Sie erzählen von Flüchtlingsfamilien, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg unter uns ein neues Zuhause gefunden haben. Sie erzählen von einem langen, erfüllten Leben und auch vom viel zu frühen Tod eines Kindes.

Morgen, am Ewigkeitssonntag, gehen wieder viele Angehörige zum Friedhof. Denn ein Teil auch ihrer eigenen Lebensgeschichte ist dort zu finden: die verstorbene Ehefrau, der verstorbene Ehemann, der Vater, die Mutter, der Sohn, die Tante ... Ein Teil ihres Lebens hat auf dem Friedhof Spuren hinterlassen. Auf dem Grabstein: der Name, der so oft über die Lippen kam, und die Geburts- und Sterbedaten, die nach wie vor ihren festen Platz im Gedächtnis und im Kalenderjahr haben. Auf dem Grab: rote Rosen, eine Kerze, ein Engel, ein Spielzeugauto verbunden mit liebevollen Erinnerungen und Bildern.

„Je älter man wird, desto mehr Leute kennt man hier auf dem Friedhof!“, erklärt mir ein älterer Herr. Er geht regelmäßig zum Grab seiner Frau, die er lange gepflegt hatte und die vor einigen Jahren gestorben war. „Und wenn ich bei ihr war, dann besuche ich noch einen alten Schulfreund zwei Reihen weiter!“ Und während er ein paar verwelkte Blüten abschneidet und Platz für ein Gesteck macht, fügt er mit gedämpfter Stimme hinzu: „Auf dem Friedhof trifft man immer Bekannte. Bekannte unter und über der Erde!“

Wir bleiben miteinander verbunden. Ganz egal, was zwischen uns liegt. Daran kann – und das haben wir in den vergangenen Monaten gelernt – kein Mindestabstand, keine Kontaktbeschränkung und nicht einmal der Tod etwas ändern. Wir bleiben beieinander, verwoben mit unseren Stadt-, Dorf- und Lebensgeschichten.

Im Vorübergehen lese ich auf einem Grabstein einen Vers aus der Bibel: „Jesus Christus spricht: Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“ – Da hat sich einer in die Tür gestellt und hält die Verbindung unter uns offen. Und auch er ist ein Teil unserer Lebensgeschichte.

Iris Junge,
Pastorin in St. Marien Uelzen

 

 

Tageslosung

Montag, 23. November 2020
Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.
Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.


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