Schmerzensmütter


Wort zum Karfreitag, 15.04.2022

von Dr. Julia Koll, Kirchengemeinden Altenmedingen, Bienenbüttel, Wichmannsburg
Pastorin Dr. Julia Koll (Foto: privat)

Irina Kostenko steht vor ihrem Haus. Es schneit. Eine stämmige Frau in einer dicken Winterjacke, ein schwarzes Tuch eng um den Kopf gebunden. In ihrer Hand ein zerknülltes Taschentuch, mit dem sie sich immer wieder übers Gesicht reibt. Sie weint und erzählt in die Kamera: Russische Soldaten hätten ihren Sohn auf offener Straße erschossen. Er sei gerade unterwegs gewesen zu seiner Arbeit in einer Autowerkstatt. In einer Schubkarre habe sie ihn zurück in den Garten geholt, und dort bestattet, in eine Decke gewickelt, „zum Schutz vor den Hunden“.

Ihre Augen sind verquollen, sie reibt sich die Hände und ringt um Fassung. Auf dem Leichenhügel liegt nun ein blauer Teppich mit Blumen darauf und eine Holzpalette, wie ein Grabstein. 27 Jahre alt war Alexej, als er erschossen wurde. Vor wenigen Tagen in Butscha, nur 1500 km östlich von Uelzen. 27 Jahre alt, etwa so alt wie Jesus. Irina hält ein Foto in die Kamera, sie küsst es: „Es tut so unglaublich weh.“

Eine Mutter klagt um ihren Sohn, heute wie damals. Dass Mütter unter dem Kreuz standen, ist gut bezeugt. Möglicherweise war auch Maria selbst dabei. In der Kunstgeschichte ist die Schmerzensmutter jedenfalls zu einem klassischen Motiv geworden, das auf vielen Altären zu finden ist: Maria, die Mutter Jesu, die den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoss hält und ihre Tränen nicht zurückhalten kann. 

In Krieg und Terror sind es bis heute oft die Mütter, die um ihre Kinder klagen. Sie weinen und schreien und behalten ihre Schmerzen nicht für sich: „Es tut so unglaublich weh.“ Es scheint so widernatürlich, das eigene Kind begraben zu müssen. So bleiben sie da, in der Nähe des Todes. Sie halten den Leichnam in Händen wie einst den Säugling und setzen alles daran, dem Leben seine Würde zurückzugeben, und sei es durch ein anständiges Begräbnis.

Oft sind es auch die Mütter, die laut werden, wenn das Unrecht zum Himmel schreit. So ist es in Srebenica gewesen, so ist es bei den russischen Soldatenmüttern, die seit dem Tschetschenienkrieg immer wieder lautstark protestiert haben. Manchmal sind auch Väter darunter, aber die sind ja oft selbst in den Krieg verwickelt. 

Schmerzensmütter und -väter fühlen mit. Ihre Tränen zeigen an, dass ihre Herzen noch nicht hart geworden sind. Irina in Butscha, die Frauen unterm Kreuz: Sie tun das Nötige. Sie bleiben da, sie weinen, sie klagen. Mehr geht nicht – am Karfreitag.

Pastorin Dr. Julia Koll,
Ev.-luth. Kirchengemeinden Altenmedingen, Bienenbüttel und Wichmannsburg