Ostern – das Licht des Lebens bricht hervor


Wort zum Osterfest, 17./18.04.2022

von Propst Jörg Hagen
Propst Jörg Hagen (Foto: Hanns-Martin Fischer)

Osterbetrachtung von Propst Jörg Hagen

Liebe Leserinnen und Leser,

ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie sehr Licht unseren Eindruck von einer Landschaft verändern kann? Wer an einem dunklen Regentag unter einer tief sitzenden Wolkendecke durch die Lande fährt, findet die Landschaft oft wenig attraktiv, Wälder erscheinen düster und trüb, Dörfer grau und Wiesen öde und leer. Man ist froh, wenn man sein Ziel erreicht hat. Fährt man am nächsten Tag die gleiche Strecke bei Sonnenlicht, dann erscheint die Landschaft ganz anders. Durch das schöne Laubwerk der Wälder blitzen die Sonnenstrahlen, in den Dörfern fallen die bunten Blumen und netten Ecken auf und das satte Grün der Felder und Wiesen erfreut unseren Blick, vielleicht halten wir sogar an und genießen den Blick auf heute so reizvolle Gegend.

Licht verändert unseren Blick auf die Welt. Das fällt mir auch jedes Jahr auf, wenn wir in Uelzen den Osternachtsgottesdienst feiern. In den frühen Morgenstunden versammelt sich die Gemeinde in der stockdunklen St.-Marien-Kirche. Durch die Dunkelheit tastet man sich auf seinen Platz vor. Es ist kalt und man erahnt nur schemenhaft die Umrisse der hohen gotischen Kirche. In die Dunkelheit hinein wird das kleine Licht der großen Osterkerze getragen, dazu erschallt der Ruf „Christus, Licht der Welt“. Stück für Stück werden dann im Laufe des Gottesdienstes weitere Lichter entzündet und mit der liturgischen Feier, den Lesungen, Gebeten und Liedern breitet sich auch das Licht des neuen Morgens in der Kirche aus. – Beim festlichen Rezitieren des Osterevangeliums ist es hell in der Kirche. Im Licht des neuen Tages sind die starken Säulen und das schöne Gewölbe der Kirche zu erkennen, die Darstellungen der bunten Kirchenfenster und auch die Gesichter der Menschen, die als Gemeinde miteinander den Ostermorgen feiern. – Christus ist auferstanden, er lebt, der Tod ist besiegt und der Weg ins Leben ist frei.

Das werdende Licht des Tages ist für mich ein sprechendes Symbol für die Erfahrung von Ostern. Es bleibt nicht dunkel, neues Leben wird möglich. So werden es auch die ersten Osterzeuginnen erfahren haben. – Die Frauen, die zum Grab Jesu gehen, brechen noch in der Nacht auf, es ist dunkel und Trauer lastet schwer auf Ihnen. Als sie zum Grab kommen, tagt es und früh am Morgen erhalten sie die Botschaft von seiner Auferstehung. Das ist das neue Licht in der Dunkelheit ihrer Trauer. Der Ostermorgen mit seiner unser Inneres berührenden Botschaft von der Überwindung des Todes ist wie das Licht, das in der Dunkelheit des Lebens aufbricht.

In diesem Jahr spüren wir die dunklen Wolken über unserer Welt besonders intensiv. Zwei Jahre Corona-Erfahrungen haben viele Menschen Kraft und Mut gekostet. „Mir fehlt der Lebenselan“, so höre ich es immer wieder. Hinzu kommen seit Wochen die erschreckenden Nachrichten vom Krieg und Leid in der Ukraine. Tod und Schrecken breiten sich aus auf unserem europäischen Kontinent. All die Bemühungen um Gemeinschaft und Miteinander scheinen vergeblich. Abgrenzung statt Öffnung, Anfeindung statt Begegnung, Tod statt Leben. All dies erfahren wir auf dem Hintergrund einer bedrohten Schöpfung, die global unter Ungerechtigkeit und Ungleichheit stöhnt. Vielen fehlt das Licht, das unsere trübe Welt erhellt.

Zu Ostern scheint es neu auf, so wie es auf dem nebenstehenden Osterbild sichtbar wird. Da sieht man dunkle Wolken, die die Welt verdunkeln können und doch ist es das helle Licht der Sonne, das dieses Bild bestimmt und erhellt. Das Licht zieht den Blick auf sich und macht es hell auf Erden. Ein treffendes Bild für die Osterbotschaft, die unseren Blick auf die Welt neu erhellt. – Christus ist auferstanden. Der Mann aus Nazareth ist nicht im Tod geblieben. Nein, er lebt und ist uns nah. Die Sache Jesu geht weiter – auch heute. Die Ostererfahrung ist wie das Sonnenlicht, das eine Landschaft bescheint und schön und lebenswert macht. Dies möchte die Osterbotschaft auch für uns und unser Leben erreichen: Wärme, die unser Herz erwärmt – Helligkeit, die unsere Gedanken nach vorne richtet – einen klaren Blick, der Hoffnung hat –strahlendes Licht, das uns Mut macht, es in unserem Leben und auf dieser Welt heller und friedlicher werden zu lassen.

Mit Ostern bricht das Licht des Lebens neu in unsere Welt herein. Lassen Sie sich von seinen Strahlen berühren und aufrichten. Gemeinsam können wir die österliche Botschaft von der lebensbewegenden Liebe Gottes erfahren und uns aus ihrer Kraft heraus auf den Weg machen, die Liebe Gottes neu in diese Welt zu tragen. Es lohnt sich, denn: Christus ist auferstanden und das Licht des Lebens bricht neu hervor.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht

Ihr Jörg Hagen,
Propst in Uelzen

Der erste Sonn-Tag

Foto (Ausschnitt): unsplash/visualsofdana

Die aufgehende Sonne am Ostermorgen – das Licht des neuen Tages nach der Dunkelheit der Nacht – ist ein Sinnbild für die Auferstehung Jesu nach seiner Passion, nach Kreuzigung und Tod.

Und so soll nicht nur Ostern, sondern jeder Sonn-Tag – wie schon bei den ersten Christen – an die Auferstehung Jesu erinnern.

Im Laufe der Zeit ist der Sonntag immer mehr zu einem Ruhetag geworden – vergleichbar mit dem jüdischen Sabbat.

Während der (damals noch) erste Wochentag an den Beginn der Schöpung und die Erschaffung des Lichtes erinnert („Sonn-Tag“), feiert das Judentum am Sabbat die Vollendung von Gottes Schöpfung: „Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2,3)

Der eigentlich Ursprung des christlichen Sonntags-Gottesdienstes ist die Osternacht – die Feier der Auferstehung Jesu und des Beginns der „neuen Schöpfung“ – der Auferstehung des Lichtes, das die Dunkelheit besiegt – des Lebens, das stärker ist als der Tod.

Nicht umsonst wird das Osterfest auch am Sonntag nach dem ersten Frühlings-Vollmond gefeiert – wenn die Tage wieder länger als die Nächte sind, das Licht die Oberhand über die Dunkelheit gewinnt.

Das wurde bereits beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 so festgelegt. Seitdem begeht die westliche Christenheit Ostern frühestens am 22. März und spätestens am 25. April.

Nur die orthodoxen Kirchen berechnen das Osterdatum noch nach dem alten julianischen Kalender. Daher fällt das orthodoxe Osterfest meist auf einen anderen Sonntag.

Hanns-Martin Fischer