Wunden und Narben gehören zum Leben


Wort zum Sonntag, 24.04.2022 (1. So. n. Ostern, Quasimodogeniti)

von Pastorin Astrid Neubauer, Kirchenkreis-Beauftragte für die Seelsorge im Alter
Pastorin Astrid Neubauer (Foto: privat)

„Das ist schon ein eindrucksvolles Bauwerk, richtig erhaben ... aber muss denn da vorne immer dieser hingerichtete Jesus am Kreuz hängen?“, beklagt sich eine Besucherin bei ihrem Rundgang durch die offene Kirche. „Das ist doch deprimierend.“

Ist denn Jesus nicht viel mehr als Kreuz und Wunden? Jesus ist doch auch Heilen und Weintrinken und Wandern und Bootfahren und Diskutieren und Meditieren. Er hat so intensiv gelebt, als könnte jeder Tag sein letzter sein. Im Alltäglichen und Unscheinbaren hat er die Wunder des Lebens entdeckt und andere Menschen zum Staunen gebracht.

Aber: Jesus wusste, dass Leben auch heißt Wunden zu sammeln. Verletzt werden und andere verletzen. Er ist da hingegangen, wo es weh tut: Zu ausgestoßenen, verwundeten, kranken und in der Seele verletzen Menschen. Da, wo andere sich abwandten und Abstand suchten, ist er hingegangen, hat hingeschaut und nachgefragt. „Was willst du, das ich dir tun soll?“ 

Wir neigen dazu, unsere Verletzungen und Narben zu verstecken, weil sie nicht schön sind. Und manche von ihnen tun auch nach Jahren noch weh. Die Zeit heilt nicht alle Wunden.

Der gekreuzigte Jesus behält seine Wunden, auch nach der Auferstehung. Sie werden sein Erkennungszeichen. Im vorletzten Kapitel des Johannesevangeliums wird von seiner ersten nachösterlichen Begegnung mit den Jüngern erzählt. Sie hören seine Stimme, sie sehen seine Wunden von der Kreuzigung und sie begreifen, dass er es ist.

Auch unsere Wunden zeigen etwas von unserer Lebensgeschichte: jede Schramme aus der Kindheit, jede Unfall- oder Operationsnarbe, jede erlittene Kränkung. Darum sollten wir sie nicht ignorieren, sondern beachten. Wunden und Narben gehören zu unserem Leben. Jede von ihnen erinnert an eine erlittene und durchstandene Situation: Es hat wehgetan. Vielleicht war ich auch in großer Gefahr. Aber es war nicht mein Ende – ich bin noch hier. Das Leben ging weiter – trotz allem. Unsere Wunden sind Teil unseres Lebens. Jede Narbe erzählt von einer Auferstehungserfahrung.

So ist es auch mit dem Jesus am Kreuz: Er hat gelitten und wurde hingerichtet. Lieber hat er den Tod auf sich genommen, als sich den lebensfeindlichen Mächten seiner Zeit zu unterwerfen. Aber sein Tod war nicht das Ende. Im leidenden Jesus zeigt sich der mit-leidende Gott. Der kennt unsere Wunden und Narben. Der ist da, wo es weh tut in unserem persönlichen Leben, und da, wo andere Menschen leiden. Und überall, wo Menschen die Geschichte von Jesus erzählen und seiner Botschaft vertrauen, wird er lebendig und wirkt weiter unter uns, nicht nur zu Ostern. 

Pastorin Astrid Neubauer
Kirchenkreis-Beauftragte für die Seelsorge im Alter