Leuchtender Funke


Wort zum Sonntag, 01.05.2022 (2. So. n. Ostern, Miserikordias Domini)

von Pastor Martin Hinrichs, Ev.-ref. Kirchengemeinde Lüneburg-Uelzen

Merkwürdige Namen tragen manche Sonntage in der Kirchensprache. „Miserikordias Domini“ – so heißt der kommende Sonntag. Wer soll das noch verstehen? „Die Barmherzigkeit des Herrn“ – dieses Thema verbirgt sich hinter dem lateinischen Fachbegriff. Doch in diesen Tagen versagt selbst vielen kirchlichen Fachexperten die Sprache.

Wie kann man die Nachrichten und Erfahrungen unserer Zeit zusammenbringen mit der Barmherzigkeit Gottes? Wer angesichts der zerbombten Ruinen in der Ukraine, der vielen Toten und der riesigen Menge an Flüchtlingen rasch dabei ist, fromme Verse oder weise Sprüche anzubringen, zeigt eher eine ziemlich unbarmherzige Seite.

Menschen versuchen, erfahrenes Leid und widerfahrenes Unglück zu verstehen. Man versucht es einzuordnen, mit dem Vertand zu erklären, um weiterleben zu können. Fast immer finden Menschen ihre vorher gewonnenen Einsichten bestätigt. „Der Westen hat doch eine Mitschuld, wenn er Putin ständig reizt.“ „Wenn sich alle hätten impfen lassen, wäre die Pandemie viel früher überwunden.“ „Ich kann doch nichts am Klimawandel ändern.“ Und wer noch an Gott glaubt, muss angesichts der Nachrichten zum Krieg, zur Klimakatastrophe und zur Pandemie daran festhalten, dass Gott barmherzig ist und am Ende alles gut werden lässt, oder?

Im Alten Testament beschreibt der Begriff Barmherzigkeit etwas  im Wesen Gottes – Gott wendet sich denjenigen zu, die in Not oder in Schuld geraten sind. In der Gegenwart ist es vielleicht ehrlicher, einzugestehen, dass wir wirklich in Not geraten sind. Wir können oft nicht einordnen und erklären, was wir sehen und erleben. Es gibt keine klare Linie, keine Gewissheit in Sichtweite.

Im Psalm der neuen Woche, Psalm 23, gilt es derzeit wohl eher, den Vers 4 zu hören und länger auszuhalten als Vers 1: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Im finsteren Tal sieht man kaum etwas. Wem Unglück widerfährt, der fühlt sich wie in einer dunklen Röhre. Es wirkt, als könnte es nie anders werden. Das ist die Situation, in der Psalm 23 diese starke Anrede wagt: Du bist bei mir! Es ist eine Aussage mitten in der Ratlosigkeit des dunklen Tals. Ohne Gewissheit, dass alles gut wird, wie wir es uns wünschen. Es ist eher wie ein leuchtender Funke, der uns weitergehen lässt im Vertrauen: Wir sind gehalten im Suchen und im Zweifeln. Jede Geste, in der wir selbst barmherzig sind mit anderen, vergrößert diesen Funken.   

Pastor Martin Hinrichs,
Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Lüneburg-Uelzen