Älter werden


Wort zum Sonntag, 19.06.2022 (1. So. n. Trinitatis)

von Pastorin Dorothea Mecking, Ev.-luth. Kirchengemeinden Molzen, Rätzlingen, St. Marien Uelzen und Veerßen
Pastorin Dr. Dorothea Mecking (Foto: privat)

„Sixty-Tour“ – die Rolling Stones feiern ihr 60-jähriges Bestehen mit einer Europa-Tournee. Strahlend blicken sie auf den Fotos in der Zeitung in die Kamera: sichtbar älter geworden (und die Besetzung hat teilweise auch gewechselt), aber voller Energie und Selbstbewusstsein. Wenn ich ihre Musik höre, bin ich einen Augenblick lang wieder 16 Jahre und finde es wunderbar. Trotzdem steht die kritische Frage im Raum: Wie lange wollen die denn noch weitermachen?

Die Zeit anhalten. Das eigene fortschreitende Alter nicht beachten. Sich wieder jung fühlen. Manchmal gelingt das für Momente. Und dann holt uns die Realität wieder ein: Die Bandscheibe muckst, die Enkelkinder rufen „Großmama!“ und im Spiegel schaut mich eine ältere Frau an, die mir ähnlich sieht.

Warum ist es manchmal so schwierig, älter zu werden? Es hängt wohl mit dem Altersbild in unserer Gesellschaft zusammen. Immer noch gilt die Idealvorstellung, möglichst lange jung zu sein: jung auszusehen, so gesund und leistungsfähig wie mit 29 Jahren zu sein, so flexibel, zukunftsorientiert, beweglich im Geist und so selbständig, dass wir mühelos und ohne fremde Hilfe über 90 Jahre alt werden können.

Und wenn nicht? – Dann wird es schwierig. Dann sind wir auf andere angewiesen, die uns zur Hilfe kommen. Auf Pflegedienste, Betreuer oder auf die eigenen Kinder. Auf den Rollator oder das Hörgerät. Dann haben wir das Gefühl, dass wir unter Umständen zu einer Belastung für andere Menschen werden – und wer will das schon.

Wenn wir beim Gedanken an das Alter vor allem auf das blicken, was nicht mehr möglich ist, auf die Gefahren und Risiken („Corona-Risiko-Gruppe“!), dann wird es wirklich kompliziert. Dann werten wir das Älterwerden ab.

Der Wert des Lebens gilt jedoch, unabhängig vom Lebensalter, für jeden Menschen. Und es gilt die Zusage Gottes an uns: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“

Pastorin Dorothea Mecking,
Ev.-luth. Kirchengemeinden Molzen, Rätzlingen,
St. Marien Uelzen und Veerßen