Wohin?


Wort zum Sonntag, 26.06.2022 (2. So. n. Trinitatis)

von Pastor Christoph Siedersleben, Ev.-luth. Kirchengemeinden Lehmke-Wieren und Nettelkamp
Christoph Siedersleben (Foto: Henrik Winkelmann)

Am liebsten möchte ich den Fernseher gleich wieder ausschalten. Es ist kurz nach 20 Uhr. Es läuft die Tagesschau. Ich will auf dem Laufenden sein, möchte mitbekommen, was in der Welt los ist – schaue darum regelmäßig die Nachrichten. Aktuell ist es mir häufig zu viel, was ich zu sehen bekomme. Vor allem die Bilder aus dem Krieg in der Ukraine gehen mir zu Herzen. Die vielen Toten, die Zerstörung, das sinnlose Abschlachten von Zivilisten, die verstörten und verängstigten Menschen, die zerbrochenen Lebensgeschichten, die durchkreuzten Träume. All das ist schwer auszuhalten.

Während ich überlege den Fernseher auszuschalten geht mir durch den Kopf: Du kannst den Fernseher ausschalten und dann ist die Realität des Krieges augenblicklich wieder ganz weit weg. Du kannst dich dem entziehen.

2000 km entfernt aber ist all das, was du im Fernsehen siehst, bittere Realität. Da ist die Angst gegenwärtig. Der Tod. Die Zerstörung. Die Trauer. Das Leid.

Wohin mit all diesen Erfahrungen – frage ich mich. Wohin mit den durchkreuzten Lebensplänen? Wohin mit der Trauer um den einzigen Sohn, der im Krieg den Tod fand? Wohin mit der Angst, selbst Opfer der Barbarei zu werden? Wohin mit all der Verzweiflung?

In der Bibel finde ich den Satz: „Christus spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Dieser Vers will eine Möglichkeit aufzeigen, wo Menschen die Mühsal und die Lasten des Lebens abladen können. Bei Gott. Die Zusage dieses Verses besagt: Gott will dich erquicken, will dir zur Seite stehen, dich trösten, dich aufrichten, deiner Seele neue Zuversicht schenken.

Ich bin sicher, dass es viele Menschen in der Ukraine gibt, die das genau so erfahren haben und erfahren. Meine Lebens- und Glaubenserfahrung aber hat mich gelehrt, dass es auch viele Menschen gibt, die das so nicht erleben.

Der Satz „Es wird alles gut, alles findet irgendwann seinen Sinn“ geht in vielen Lebensgeschichten nicht auf. So traurig das ist.

Ich habe in meinem Leben das Glück gehabt, dass auch die schwierigen Lebenssituationen sich wieder zum Guten gewendet haben. Ich habe erlebt, dass Lasten und Mühsalen bei Gott gut aufgehoben sind. 

Dass auch die Menschen in der Ukraine das so erleben mögen und dass auch Sie, die Lesenden, das so erfahren mögen, wünscht Ihnen

Pastor Christoph Siedersleben
Ev.-luth. Kirchengemeinden Lehmke-Wieren und Nettelkamp