Ist das Kunst oder kann das weg?


Wort zum Sonntag, 24.07.2022 (6. So. n. Trinitatis)

von Pastorin Friederike Holtz, Ev.-luth. Kirchengemeinde Wriedel
Friederike Holtz (Foto: Holger Holtz)

Die Corona-Beschränkungen sind weg und der Urlaub ist da. Höchste Zeit mal wieder ins Museum zu gehen. Vielleicht stehen Sie dann da und fragen sich: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Die berühmte Frage entstand, als ein Hausmeister das Kunstwerk „Fettecke“ von Joseph Beuys irrtümlich entfernte. Seitdem kann diese Frage entweder die Unbegreiflichkeit moderner Kunst oder die Begriffsstutzigkeit von kunstfernen Menschen aufs Korn nehmen.

Dabei gehört die Irritation zumeist zur Absicht solcher Kunstwerke. Dafür muss man sie aber als Kunstwerk wahrnehmen, das mit unserer Wahrnehmung spielt. Das Kopfschütteln bleibt möglicherweise trotzdem, aber das Kunstwerk landet nicht im Müll. Glück gehabt!

Über Kunst kann man streiten. Trotzdem kann sie dabei helfen, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und sich zu öffnen für die Weltsicht eines anderen. Das braucht freilich Geduld, noch einen Schritt zurücktreten und die Perspektive zu wechseln in der Hoffnung auf den Aha-Moment. Möglicherweise bleibt aber das Werk am Ende für die Betrachterin trotz aller Bemühungen unbegreiflich. 

Wer will sich schon so einer Mühe unterziehen, wenn am Ende die Irritation bleibt. Ich habe den Eindruck, dass auch in anderen Bereichen die Bereitschaft abnimmt, mal einen Schritt zurückzutreten und erst mal wahrzunehmen, was da ist und wie es gemeint sein könnte. Das Leben ist schon unübersichtlich genug. Da ist es verständlich, wenn man die eigene Überzeugung lieber nicht hinterfragt. Leider führt das dazu, dass die Überzeugung des Anderen von vornherein als falsch/unsinnig/lächerlich abgetan wird. Die Geduld fehlt, auch hier erst mal wahrzunehmen, zuzuhören und die Perspektive zu wechseln. Ein wirkliches Gespräch kommt nicht zustande.

„Prüft aber alles und das Gute behaltet!“, so lautet der Rat an die ersten christlichen Gemeinden in der Begegnung mit der Kultur ihrer Zeit, den wir in der Bibel finden. Die eigene Überzeugung wächst durch die vorurteilsfreie Begegnung mit Anderem. Wer sich irritieren lässt, der übt das eigene Urteilsvermögen.

Am Ende bleibt vielleicht auch da manches unverständlich. Man kennt aber nun nicht nur die Weltsicht des Anderen besser. Auch die eigene Meinung wird persönlicher und weniger anfällig für allgemeine Vorurteile.

Pastorin Friederike Holtz,
Ev.-luth. Kirchengemeinde Wriedel