Labyrinth des Lebens


Wort zum Sonntag, 28.8.2022 (11. So. n. Trinitatis)

von Pastorin Utta Dittmar, Ev.-luth. Kirchengemeinde Holdenstedt
Utta Dittmar (Foto: privat)

Liebe*r Leser*in,

aus dem Urlaub in Frankreich zurück, blättere ich mein Reisetagebuch durch und überlege, was am Allerschönsten in den vergangenen Wochen war. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten - jeder Tag war besonders. Das Meer immer anders, wenn die Ebbe die Felsen vor unserem Campingplatz in Nord - Frankreich, an der bretonischen Küste, freilegte; die Radtouren zu den Calvarienbergen, die das Leben Christi in Stein gemeißelt zeigten; die leckeren Meeresfrüchte abends auf dem Teller; die freundlichen Begegnungen mit Urlaubern aus F, NL, GB und D; die Besuche in jahrhundertealten Kirchen voller bunter Glasfenster … Schwer zu sagen, was am Allerschönsten war. Zu den Highlights meines Urlaubs gehört aber sicher der Besuch der Kathedrale in Chartres, südöstlich von Paris gelegen, und hier das Labyrinth. Deswegen sind wir hingefahren, wegen des Labyrinths, knapp 13 Meter im Durchmesser und etwa 260 lang, geht man den Windungen entlang.

Es fasziniert mich, immer schon. Hier, in Chartres, ist es mitten in der Kathedrale im Fußboden eingelassen. Es wird auch als „Weg nach Jerusalem“ bezeichnet, weil man lange glaubte, dass das Abgehen des Labyrinths einer Pilgerfahrt ins Heilige Land gleichkäme. Hier gibt es wohl in der Interpretation des Labyrinths viel Spielraum. Möglicherweise ist nicht die Stadt Jerusalem gemeint, sondern das Paradies, nämlich das himmlische Jerusalem der Bibel. Vielleicht ist das Labyrinth in Kirchen eine Übernahme des antiken Labyrinths als Symbol heidnischer Religion, was das Christentum dann in die Verheißung des Paradieses umfunktionierte. Hier gibt es keine Sackgassen - wie beim Irrgarten. Der Weg ist einfach, obwohl verschlungen. Christen und Nichtchristen haben beide ein Ziel im Auge, das Ausdauer erfordert und nur anstrengend und mühsam zu erreichen ist. Bequem geht’s nicht. Viele Deutungen sind wie gesagt möglich, und nicht immer fanden es alle im Laufe der Jahrhunderte toll. Das Reimser Kapitel z.B. entschied wegen der Belästigung durch die auf den Windungen des Labyrinths herumlaufenden Kinder und „Müßiggänger“ für dessen Zerstörung 1000 Pfund als Bezahlung bereitzustellen!

Das Wichtigste, denke ich, ist das Zentrum, wohin alle Linien münden, das Zentrum der Welt, das Herz, der Sitz des Menschen, in dem Gott wohnt. Das Abgehen des Labyrinths kann wie eine Wallfahrt sein, eine geistige Suche nach dem Wesentlichen, sich selbst, Gott. Vielleicht dient jede Pilgerfahrt letztlich der Selbstsuche. Dazu gibt es viel Literatur und Filme. Schön hierzu die 1. Strophe unsere Gesangbuchliedes Nr. 166 „Tut mir auf die schöne Pforte“: Ich bin Herr, zu dir gekommen, komme du nun auch zu mir. Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier. Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein.

Vielleicht kommen Sie mal hin, nach Chartres!? Freitags ist die Bestuhlung entfernt und das Labyrinth frei zugänglich vom Anfang bis zum Zentrum.

Adieu,

Ihre Utta Dittmar

Pastorin Utta Dittmar
Ev.-luth. Kirchengemeinde Holdenstedt