Gedanken zum Reformationstag


Wort zum Sonntag, 30.10.2022 (20. So. n. Trinitatis) / 31.10.2022 (Reformationstag)

von Pastor Ulrich Hillmer, Johannis-und-Georgs-Kirchengemeine Uelzen, Krankenhausseelsorge im Helios-Klinikum Uelzen
Pastor Ulrich Hillmer (Foto: privat)

„Ich sehne mich auch danach, ganz weit fortzufliegen.“ Der Konfirmand und ich blicken den Gänsen nach, die auf dem Plöner See ihren Zwischenstopp Richtung Süden machen.

Ja, denke ich zunächst, er wäre im Anschluss an diese Konfirmandenfreizeit auch gerne in den Familienurlaub geflogen wie andere aus der Gruppe. – Aber es ist mehr. Es ist die Sehnsucht zu entfliehen: den Corona-Masken und den Schulnoten, dem Streit mit den Freunden oder in der Familie, dem ständigen Hinterfragen, ob ich wohl richtig bin, wie ich bin.

Und so schauen wir neidisch den Gänsen zu und staunen, wie selbstverständlich sie ihren Platz in der Flugformation finden. Sie kennen Richtung und Zeitpunkt, zu dem es gilt aufzubrechen.

Warum nur fehlt uns Menschen dieses Vertrauen, dass alles schon in uns steckt und wir nicht erst ein anderer werden müssen, um gut und richtig zu sein? Warum nur ist es so schwer, sich selbst zu lieben?

Martin Luther hat sich vor 500 Jahren mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigt. In einer Kirche, in der Gott damals für alles Mögliche herhalten musste, war für ihn die Liebe Gottes bedingungslos. Kein Loch ist so tief, als dass sie uns nicht auffangen würde, keine Nacht so dunkel, als dass sie uns nicht leuchten würde.

Und wenn Gott uns mit solchen Augen anschaut, was hält uns dann ab, uns auch selbst mit etwas mehr Liebe anzuschauen und einfach nur der zu sein, der wir sind?

Pastor Ulrich Hillmer,
Johannis-und-Georgs-Kirchengemeinde Uelzen,
Krankenhausseelsorge im Helios-Klinikum Uelzen