Toten- oder Ewigkeitssonntag


Wort zum Sonntag, 20.11.2022 (Letzter Sonntag im Kirchenjahr)

von Pastorin Anne Stucke, Ev.-luth. Kirchengemeinde Ebstorf
Anne Stucke (Foto: privat)

„Novembrig geht es mir“, sagt eine Frau, nach deren Befinden ich mich erkundige. Und obwohl wir in diesem Jahr bisher einen sehr milden, fast goldenen November hatten, gibt es viele Menschen, die diesen Monat nicht mögen. Wenn es früh dunkel wird und die Bäume ihr Laub verlieren, scheint es, als ob die Veränderung in der Natur sich auch auf manche Seele legt. Wenn draußen die Blätter fallen, werden wir an Sterben und Tod erinnert. Es ist kein Zufall, dass die Gedenktage für die Toten im November sind.

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Toten- oder Ewigkeitssonntag, gedenken wir in besonderer Weise unserer Verstorbenen. Menschen, die wir geliebt, mit denen wir gelacht und geweint, gestritten und uns wieder vertragen haben, an die wir uns manchmal mit Schmerz, häufig mit einem Lächeln erinnern, die wir vermissen.

Zugleich werden wir daran erinnert, dass jedes menschliche Leben einmal ein Ende haben wird. Christen glauben, dass es dennoch ein ewiges Ja zu uns und unserem Leben gibt. Und eine Hoffnung, die über das hinausreicht, was wir sehen und verstehen. 

Darum finde ich beide Namen zutreffend: Totensonntag und Ewigkeitssonntag. Denn dieser Tag ist für mich beides: Der Tag, an dem ich mir des Todes, auch meines eigenen, bewusst werde. Und der Tag, an dem die Hoffnung auf ewiges Leben bestärkt wird.

Rainer Maria Rilke hat schöne Worte gefunden, leise und zuversichtliche sind es, die dies zum Ausdruck bringen:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Der Tod kann einen Menschen nicht für immer auslöschen. Was er nimmt, wird anders neu entstehen. Toten- und Ewigkeitssonntag - Zeit, das Fallende zu bedenken, um klug zu werden. Zeit, den Glauben festzuhalten, dass es ein ewiges Ja zu unserem Leben und seinem Wert gibt.       

Pastorin Anne Stucke
Ev.-luth. Kirchengemeinde Ebstorf