Fürchtet euch nicht!


Wort zum Weihnachtsfest, 24. - 26.12.2022

von Pastorin Dr. Dorothea Mecking, stellv. Pröpstin

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Lukas 2, 8 – 14

Wenn wir uns die Krippenbilder der alten Meister genau ansehen, dann fällt auf: Die Krippe steht bei ihnen am tiefsten Punkt. Das Kind, Gott selbst, ist ganz unten angekommen. Im Behelfsbett im Stall. Und Maria und Joseph und die Hirten, auf manchen Darstellungen auch die Könige und sogar die Tiere im Stall, stehen rund um die Krippe und staunen. 

Wenn ein Kind geboren wird, beginnt immer etwas Neues, Unvergleichliches. Etwas Kostbares und Einmaliges. Das empfinden wir alle beim Anblick eines Neugeborenen. Deshalb berühren uns die Krippenbilder ganz unmittelbar. Dieses Staunen, dieses Gefühl von Versunkenheit und Zärtlichkeit, das in der Haltung der Menschen an der Krippe deutlich wird und sich in ihren Gesichtern spiegelt – das sind wir. Wir selbst könnten ebenfalls dort an der Krippe stehen. Der eine nah, der andere etwas weiter weg. Mancher steht erst mal draußen vor dem Stall und traut sich noch nicht richtig herein. 

Die Hirten waren es, die als erste von der Geburt Christi erfahren haben. „Fürchtet euch nicht!“, hatte der Engel zu ihnen gesagt. Doch ihre erste Reaktion war Furcht. Zu unerwartet kam diese Botschaft zu ihnen. In einer ganz gewöhnlichen Nacht, in der Kälte draußen, auf den Feldern am Rand von Bethlehem begegnete ihnen das Außerordentliche: eine erschreckende Klarheit in der Gestalt eines Engels.

Das Leben der Hirten am Rand von Bethlehem, am Rand der Gesellschaft, war hart, überschaubar und begrenzt. Sie hatten sich in diesem mühsamen Leben eingerichtet. Sie hofften nichts mehr, erwarteten auch nichts und waren dem Leben gegenüber gleichgültig geworden. 

Zu diesen abgestumpften Hirten ist der Engel gekommen. Ungerufen, unerwartet: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.“ 

Die Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben. Gott ist zu uns gekommen in dem Kind in der Krippe. Der Himmel hat sich aufgetan. Die leuchtende Klarheit des Herrn, die die Hirten umgab – vielleicht war es ein überwältigendes Begreifen und Erkennen, dass Gott nah ist, mitten unter uns. Dass mit dieser Geburt etwas Neues beginnt, das ihrem Leben eine Hoffnung und einen Sinn verleiht.

„Fürchtet euch nicht!“ Die Botschaft des Engels richtet sich zuerst an diejenigen, die sich verloren fühlen und misstrauisch geworden sind. An die, die sich fürchten; die sich nichts mehr zutrauen. Diese Verlorenen leben mitten unter uns, und manchmal gehören wir auch zu ihnen. Verlorenheit ist oft gut getarnt und nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Und häufig ist sie mit Furcht verbunden. Furcht, nicht zu genügen. Furcht vor der Leere und Sinnlosigkeit, die manchmal nach uns greift, auch zu Weihnachten. 

Da sind die Familien, denen in den letzten Wochen ein vertrauter Mensch gestorben ist. Gerade zu Weihnachten ist die Lücke, die er hinterlassen hat, noch spürbarer als sonst. Sie versuchen, dennoch Weihnachten zu feiern, aber es tut weh. Da sind frisch getrennte Paare, die es nach jahrelangem Zusammensein nun erst wieder lernen müssen, Weihnachten allein, ohne den Partner, zu feiern. Da sind auch Jugendliche, die manchmal das Gefühl haben: „Meine Eltern sind meilenweit entfernt von mir. Wir sprechen einfach nicht dieselbe Sprache. Es ist so, als ob wir in zwei ver-schiedenen Welten leben.“ Auch an Weihnachten. 

All den Einsamen, Tapferen und Hoffnungslosen wird es zugesprochen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ 

Diese Verkündigung hören und die Freude wirklich spüren – das ist zweierlei. Da braucht es schon einen Engel, um festgefahrene Strukturen in uns aufzubrechen, wenigstens für eine Nacht. Einen Boten Gottes, umleuchtet von der Klarheit des Herrn. Er bringt uns heute die Botschaft von der großen Freude, von der Geburt Christi, der einmal den Frieden bringen wird in unsere zerrissene Welt, deren Menschen sich so sehr nach wirklichem Frieden sehnen.

Die Worte des Engels sagen uns: Die Geburt Christi ist die Geschichte einer Rettung. Gerade zu euch ist Christus gekommen, mitten hinein in die Tiefe eurer Angst und Verlorenheit. 
In der Verletzlichkeit und Hilflosigkeit des neugeborenen Kindes in der Krippe teilt Christus unser Leben mit all unseren Verletzlichkeiten und Ängsten. Selbst in der tiefsten Verlassenheit sind wir nicht verlassen. Seit der Geburt Christi glauben wir, dass wir von Gott geliebt sind und dass er Gemeinschaft mit uns haben will durch Christus, unseren Bruder. Das verändert unser Leben. Das wirkt sich aus in unserem Umgang mit unserm Nächsten, mit uns selbst, mit der Welt.

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Pastorin Dr. Dorothea Mecking

Gelobet seist du, Jesu Christ

Grafik unter Verwendung der Notation aus dem „Geystlich gesangk Buchleyn“ (1524) von Johann Walter

1. Gelobet seist du, Jesu Christ, / dass du Mensch geboren bist / von einer Jungfrau, das ist wahr; / des freuet sich der Engel Schar. / Kyrieleis.

3. Den aller Weltkreis nie beschloss, / der liegt in Marien Schoß; / er ist ein Kindlein worden klein, / der alle Ding erhält allein. / Kyrieleis.

4. Das ewig Licht geht da herein, / gibt der Welt ein’ neuen Schein; / es leucht’ wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes Kinder macht. / Kyrieleis.

7. Das hat er alles uns getan, / sein groß Lieb zu zeigen an. / Des freu sich alle Christenheit / und dank ihm des in Ewigkeit. / Kyrieleis.

Text: Medingen, um 1380 (Str. 1), Martin Luther, 1524 (Str. 3, 4 + 7)
Melodie: Medingen, um 1460, Ev. Gesangbuch (Nr. 23), Gotteslob (Nr. 252)