Die lesende Maria und der wiegende Josef


Wort zum Weihnachtsfest, 24.-26.12.2023

von Pröpstin Wiebke Vielhauer, Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen
Wiebke Vielhauer (Foto: Neff)

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn … (Lukas 2, 1 – 7)

Einer Statistik nach werden gedruckte Bücher auch 2023 zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken gehören. Nach Gutscheinen, Lebensmitteln und Spielzeug stehen sie mit 39 % auf Platz 4. Dementsprechend wild und trubelig ging es neulich in der Buchhandlung meines Vertrauens zu, als ich vermeintlich „nur noch schnell“ ein paar Bestellungen abholen wollte. Mit diesem Wunsch war ich offensichtlich nicht allein. Und entsprechend lang war die Schlange an der Kasse.

Seit ich vor ein paar Jahren den Roman „Meine wundervolle Buchhandlung“ der Wiener Krimi-Autorin Petra Hartlieb las, habe ich höchsten Respekt vor allen, die in dieser Rushhour des Konsumjahres im Buch- und sonstigen Geschenkehandel tätig sind. Petra Hartlieb beschreibt unter anderem, wie ihre Familie und sie selbst den Dezember bis Heiligabend erleben oder – besser gesagt – überstehen. Dank liebevoller Unterstützung von Freundinnen und Freunden, die spontan im Laden einspringen, früh morgens oder spät abends noch Buchpakete packen oder gigantische Töpfe von Kartoffelgulasch zur Grundversorgung der Familie vorbeibringen. Für mich war dieser Blick „hinter den Verkaufstresen“ nicht nur spannend, sondern auch lehrreich: Die Perspektive zu wechseln, schafft ja oft mehr Verständnis für das Gegenüber …

Also: zu Weihnachten ein Buch unter dem Christbaum – das passt. Überhaupt nicht erwartet habe ich dagegen das Buch in der französischen Miniatur der Krippe (Abb. rechts). Dieses kleine Bild ist keine stilistisch auf alt getrimmte moderne Bildmontage, sondern stammt original aus dem 15. Jahrhundert. Gezeigt wird eigentlich eine Krippenszene „wie sie im Buche steht“. Maria und Josef, dazu das Kind, Ochs und Esel. Alles erwartbar, wenn … ja, wenn das Buch nicht wäre. Eine Maria, die nach der Geburt des Jesuskindes entspannt im Bett liegt und liest – das ist erstaunlich.

Zu Jesu Zeiten gab es solche gebundenen Schriftwerke noch gar nicht. Und selbst im Spätmittelalter, aus dem das Bild stammt, waren Bücher noch enorm teuer. Viele Menschen konnten gar nicht lesen. Und nun dies: Maria liest.

Josef dagegen ist es, der das Kind in seinem Arm wiegt. In anderen Darstellungen steht er oft eher am Rand. Matthäus erzählt, er habe ernstlich darüber nachgedacht, die schwangere Maria zu verlassen. In diesem Bild aber könnte sein Blick auf das Kind kaum inniger sein.

Die lesende Mutter, der wiegende Vater – dieses Bild stellt Erwartungen auf den Kopf. Genau wie Weihnachten selbst. Wenn ein Gott geboren wird, würde man Paläste erwarten – diesen Herrscher aber findet man in einem Futtertrog. Und die ersten Besucher sind einfache Leute. Ob sie Kartoffelgulasch dabeihaben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Weihnachten heißt: Gott wechselt die Perspektive. „Er wechselt mit uns wunderlich, Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in sein’s Vaters Reich die klare Gottheit dran.“ So dichtet Nikolaus Herman 1560. Gott wird einer von uns – teilt mit uns das Pieksen des Strohs und die Süße der Milch, die Hektik im vorweihnachtlichen Buchladen und die wohltuende Stille der Heiligen Nacht – geht unser irdisches Leben mit. – Das schlägt auch in meinem Leben neue Seiten auf.

Pröpstin Wiebke Vielhauer,
Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen

Gott wechselt die Perspektive


Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich,
in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich
und schenkt uns seinen Sohn,
und schenkt uns seinen Sohn.

Er kommt aus seines Vater Schoß
und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt und bloß
in einem Krippelein,
in einem Krippelein.

Er äußert sich all’ seiner G’walt,
wird niedrig und gering
und nimmt an sich ein’s Knechts Gestalt,
der Schöpfer aller Ding,
der Schöpfer aller Ding.

Er wechselt mit uns wunderlich:
Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in sein’s Vater Reich
die klare Gottheit dran,
die klare Gottheit dran.

„Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“ (V. 1-4)
Text: Nikolaus Herman (1560)

Ev. Gesangbuch (Nr. 27), Gotteslob (Nr. 247)