Vergesslich ...


Wort zum Sonntag, 14.01.2024 (2. So. n. Epiphanias)

von Pastorin Astrid Neubauer, Seelsorge im Alter, Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen
Pastorin Astrid Neubauer (Foto: privat)

„Welches Jahr haben wir jetzt?“ Zum dritten Mal fragt sie das in die kleine Runde um den Wohnzimmertisch. „Mama, wir sind jetzt im Jahr 2024 und du bist heute 87 Jahre alt geworden“, wiederholt Hajo freundlich. Aber innerlich zerreißt es ihn fast. „Das weiß ich auch, dass ich heute Geburtstag habe“, herrscht sie ihn an. Dann lächelt sie tapfer, erhebt ihr Sektglas und fängt an zu singen: „Viel Glück und viel Segen...“ und alle singen mit: „... Gesundheit und Freude sei auch mit dabei!“ – Gesundheit? – Ja, das wäre schön, denkt Hajo. Und staunt zugleich, wie schön und klar ihre Stimme noch klingt, fast so wie früher. 

Was hat sich alles verändert seit ihrem letzten Geburtstag vor einem Jahr! Er weiß noch genau, wie sie wenige Tage danach zusammen in der Gedächtnis-Sprechstunde waren, seine Schwester mit dabei. Am Ende der Untersuchungen stand die Diagnose der Ärztin: Demenz. Manches hatte darauf hingedeutet. Anderes war in Mamas Alltagsroutine verborgen geblieben. Inzwischen nimmt sie Medikamente, die den Prozess im besten Falle etwas verlangsamen werden. Hajo und seine Frau wohnen seit der Hochzeit unten im Haus und sind jetzt mehrmals täglich oben, um nach dem Rechten zu sehen, Mama zu unterstützen, an Termine zu erinnern, mit ihr zum Einkaufen zu fahren ... 

Die Kontakte zu Nachbarinnen und Freundinnen haben deutlich abgenommen, nicht nur weil einige bereits verstorben oder krank sind. Andere haben sich zurückgezogen. Fast so, als ob Demenz ansteckend wäre und man sie vermeiden könnte, wenn man auf Abstand geht. Wer möchte schon selber davon betroffen sein? Wie gut, dass das keiner von uns vorher weiß, denkt Hajo. Aber auch seine Mutter ist inzwischen unsicher in Gesellschaft. So wie hier jetzt gerade mit einer Handvoll Gratulanten. Dabei hatte sie früher immer gern das Haus voll zu solchen Gelegenheiten. Nun kämpft sie gegen das Vergessen. Das macht sie unduldsam gegen andere, vor allem aber gegen sich selbst.

Am Abend sitzen Mutter und Sohn zusammen auf der Terrasse. „Das darf doch nicht wahr sein“, sagt die Mutter plötzlich, „dass ich nun auch noch den Verstand verliere.“ Während Hajo noch überlegt, was er sagen soll, setzt sie  nach: „Zum Glück hat Papa das nicht mehr miterlebt.“ Hajo nimmt ihre Hand. Schweigend sitzen sie da. „Und was ist mit dir?“, fragt sie Hajo: „Wirst du mich auch verlassen?“ Hajo nimmt sie fest in den Arm: „Hab keine Angst, Mama, ich bleibe bei dir.“

Ich sehe die Szene vor mir und überlege: Wie wird es mir ergehen? Wenn ich vielleicht eines Tages nicht mehr die bin, die ich einmal war. Dann wünsche ich mir das auch, dass jemand da ist und sagt: Ich bleibe bei dir.
Von einem weiß ich schon jetzt, dass er ganz bestimmt bei mir bleibt. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ (Psalm 139, Vers 5). So steht es in der Bibel. Das ist ein Versprechen Gottes, der für uns da war und da ist und da bleibt.

Pastorin Astrid Neubauer,
Seelsorge im Alter
im Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen