Wut und Hass besiegen


Wort zum Sonntag, 28.01.2024 (Letzter So. n. Epiphanias)

von Pastor Frank-Peter Schultz, Ev.-luth. Kirchengemeinden Oldenstadt-Groß Liedern und Molzen
Frank-Peter Schultz (Foto: privat)

Auf meinen Studiereisen suche ich das lehrreiche Gespräch mit Holocaust-Überlebenden. Und ich bereite mich mit guter Literatur vor. Empfehlen möchte ich besonders die inspirierende Lektüre von Rachel Hanan: „Ich habe Wut und Hass besiegt - Was mich Ausschwitz über den Wert der Liebe gelehrt hat“, aus dem ich folgende Gedanken entnommen habe.

An diesem Wochenende wird besonders der Befreiung in Auschwitz vor 79 Jahren durch die russischen Truppen gedacht. Allzu gerne würde ich den russischen Kommandeuren meinen Dank dafür zum Ausdruck bringen. Leider legt sich der Krieg in der Ukraine quer.

Durch die Befreiung konnte der Rest-Glaube an die Menschheit bewahrt bleiben - wenn auch den Befreiten der Glaube an den einen Gott, der alles richtet, drohte verloren zu gehen. Sie haben erlebt, wozu der Mensch im Schlechten fähig ist. Schwer zu verstehen, dass Ausschwitz am Ende Leute nicht schwächte, sondern stärkte. Einerseits gingen Menschen, die Schlimmes erlebten, daran zugrunde. Andererseits wuchsen Menschen an den schrecklichsten Erfahrungen. Warum das so ist, bleibt schwer zu erklären. Zeitzeugen berichteten, dass unmittelbar nach der Befreiung die meisten keine Lust zu irgendetwas gehabt hätten. Ihnen wurde ja alles genommen. Sie fühlten sich nicht mehr wert. Wie ein Nichts, nicht einmal mit Namen, nur noch mit einer Nummer auf dem Unterarm. Ein Wunder, dass es welche gibt, die sagen, „Ich liebe die Menschen immer noch“.

Natürlich kannten sie auch das Gefühl des Hasses, doch zu Recht! Aber seinem Hass freien Lauf zu lassen, kann als Irrtum angesehen werden. Denn sie haben verstanden, dass Rache und Hass niemals satt machen. Ein gefährliches nimmersattes Monster, was sich auf der Welt breit machte und wie eine Würgeschlange die Welt umschnürte. Hass verletze und beschädige die Hassenden selbst. Weniger diejenigen, gegen die der Hass gerichtet ist. Hass ist eine Vergiftung zu hohem Preis. Auschwitz offenbarte, was der Hass aus dem Menschen machen kann.

Es gibt keine Erklärung für die Unmenschlichkeit. Überlebende von Ausschwitz warnen uns davor, dass es wieder passieren kann, nicht nur in Deutschland. Wenn die Guten schweigen, setzt sich das Böse immer wieder durch - zu allen Zeiten. Daher die Aufforderung der Überlebenden, die untrennbaren Gebote einzuhalten: „Hasst nicht und schweigt nicht!“

Die Überlebenden von Ausschwitz wollen Lebende sein. Nicht zulassen, dass sie der Geist von Nazis breche und die Seele von irgendwelchen Führertypen besiegt werden würde. Von daher meine Bitte an uns Eltern: Mögen wir unseren Kindern ein liebevolles Zuhause geben, ihnen Kraft geben, schlimme Erfahrungen zu überwinden und Liebe zu ermöglichen.

Pastor Frank-Peter Schultz
Ev.-luth. Kirchengemeinden Oldenstadt-Groß Liedern und Molzen