Hass


Wort zum Sonntag, 23.06.2024 (4. So. n. Trinitatis)

von Pastor Thomas Wollrath, ​Schulseelsorger an der BBS II
Thomas Wollrath (Foto: privat)

Ich stehe beim Einkaufen in der Schlange - und klar, wie es eben manchmal so ist: Es dauert, bis eine neue Kasse geöffnet wird. In dem Moment versucht ein Mann sich vorbeizumogeln, um dann doch früher seine wenigen Artikel bezahlen zu können. Empörung! - Sie können sich das vorstellen. - Und eine Frau mittleren Alters entlädt ihre anscheinend schon vorher aufgestaute Wut und lässt eine große Tirade an Worten auf den „Vordrängler“ prasseln! - Die Worte erspare ich Ihnen.

Klar, Vordrängeln ist nicht in Ordnung, aber ich bin erstaunt und es macht mir Angst, was dieses kleine Fehlverhalten an Wut bei Menschen in diesem Moment auslösen kann.

Und dann denke ich an die sozialen Medien: Da gibt es das doch auch! Menschen werden im Netz richtiggehend mit „Hate Speech“ und Mobbing fertig gemacht.

Dabei habe ich dann auch die ganzen anderen Bilder aus den Nachrichten im Kopf. Fast jede Woche brutale, grausame, durch Menschen im Streit verursachte Meldungen, kürzlich auch in der Politik und erst recht natürlich in kriegerischen Auseinandersetzungen. Dabei werden auch nicht die Polizei, die Rettugskräfte und die Feuerwehr verschont.

Wut und Hass nehmen als Phänomen in unserer Gesellschaft zu und das ängstigt mich sehr! Wie soll das weitergehen? Ich sehe die Menschen, und frage mich, wie kann so viel Hass da sein. Wo kommt der her? Von immer wieder eingetrichterten Meinungen, von mangelndem Verstehen, von Chancenlosigkeit oder etwa davon, dass Menschen bei uns nicht gesehen werden? Davon, dass Menschen sich allem anderen gegenüber verweigern, was nicht das Eigene oder Persönliche ist? Und dann - wie ein Deich der bricht - kommt er raus, der Hass, und diese Menschen sehen keine Anderen mehr, nur noch sich selbst in ihrer Überzeugung. - Der Hass sieht nicht ins Gesicht, er sieht nicht die Spuren des Lebens, er sieht nicht die Züge der Person. Er entmenschlicht, er ist blind.

Aber wenn ich hinsehe, dann sind da Menschen. Von Gott geliebt - so viele, so wunderbare, so vielfältige, so bunte - und doch alle gleich. Der Satz ist nicht von mir, sondern von Gott, an den ich trotz all dem glaube. Den die einen so nennen und die anderen so.

Ja ich weiß, bei so viel Hass könnte man den Glauben an Gott und den Menschen verlieren. Mir aber gibt der Glaube Halt, er erzählt mir von Hoffnung, Respekt und Liebe. Er sagt mir: Entscheide dich für die Menschen. Entscheide dich, dass du daran glaubst, dass es ein friedliches Miteinander geben kann. Das ist meine persönliche Überzeugung, sie gibt mir Hoffnung. Und jedes friedliche Gebet der Religionen auch! Vor allem aber jeder Blick, der wirklich auf einen Menschen sieht. Ich glaube daran: Dann kann Respekt, Liebe und Hoffnung wachsen! - Probieren Sie es doch mal aus!

Pastor Thomas Wollrath,
Schulseelsorger an er BBS II