Wunderbar gemacht


Wort zum Sonntag, 30.06.2024 (5. So. n. Trinitatis)

von Pröpstin Wiebke Vielhauer, Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen
Wiebke Vielhauer (Foto: Neff)

Auch bei über 30 Grad im Schatten trägt Leonie am liebsten Rollkragen. Als sie fünf war, hat sie mit ihrem großen Bruder am Adventskranz herumgekokelt. Heimlich. Dabei fing ihr Schal Feuer. Die Brandnarben trägt sie bis heute wie ein Band um den Hals. „Komm doch rein, das Wasser ist sooo herrlich“, ruft ihre neue Freundin. „Ach, nein“, sagt Leonie, „irgendwer muss ja auch auf unsere Sachen aufpassen …“.

Eigentlich wäre Ron lieber eine Frau. Kleider findet er toll. Lange Haare. Und Glitzer und High Heels. Und Sven aus seinem Fußballteam. „Eigentlich bin ich eine Frau“, denkt Ron, „ich sehe nur nicht so aus. Aber wer soll das verstehen …“.

Agnes riecht am Tetrapack. „Geht noch“, denkt sie und kippt den Rest Milch in den Kaffee. Sofort flockt es ein bisschen aus. Das Brot ist zum Abbeißen zu hart geworden. Sie weicht es ein. So hat es die Mutter damals nach dem Krieg auch gemacht. Nächste Woche gibt es neues Geld, denkt Agnes. Die Diakonie um Hilfe zu bitten, fiele ihr nicht ein. Bestimmt kommt das raus. Und wie stünde sie dann vor den Nachbarn da …

Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. (Psalm 139,14)

Dass Agnes früh Mutter wurde und sich dann um Mann und Kinder und später um die alten Eltern gekümmert hat, statt Karriere zu machen, dafür kann sie nichts. Und dafür, dass unsere Gesellschaft Pflegearbeit nicht honoriert auch nicht.

Dass Rons Oma ihn immer lieben wird – ob im Anzug oder im Abendkleid, ob als Ron oder als Ronja – das weiß er noch nicht. Klar, ihre Freundinnen aus der Gymnastikgruppe werden nicht schlecht staunen. Aber Oma ist cooler als er ahnt.

Irgendwann wird es Leonie doch zu heiß auf der Liegewiese. Sei streift ihren Pulli ab, rennt im Bikini Richtung Wasser … und springt.

Gott, gib uns jeden Tag den Mut, zu uns und zu unserem Leben zu stehen! Da hast uns wunderbar gemacht. Amen.

Wiebke Vielhauer,
Pröpstin im Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen