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Startseite Wort zum Sonntag Oskar und der Gekreuzigte

Oskar und der Gekreuzigte

Wort zu Gründonnerstag und Karfreitag (1./2. April 2021)

Oskar, ein sterbenskranker zehnjähriger Junge, wird in dem Roman „Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emmanuel Schmitt in seinen letzten Lebenstagen von einer „Rosa Dame“ aus der Klinik liebevoll begleitet.

Als er einmal sehr erschöpft ist, schlägt seine „Oma Rosa“ ihm vor, in die Kapelle zu gehen und Gott zu besuchen. Dabei begegnet er dem Kreuz mit dem leidenden Jesus, ganz mager, voller Wunden und mit hängendem Kopf, ganz ähnlich wie er. Damit hatte Oskar nicht gerechnet und ist zunächst empört: „Wär ich der liebe Gott, … ich hätte mir das nicht gefallen lassen. Oma Rosa, im Ernst: Sie werden doch so einem nicht vertrauen!“ – „Denk nach, Oskar. Wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt oder einem Gott, der Schmerzen hat?“ – „Einem der Schmerzen hat, natürlich.“

Die Passionsbilder vom menschgewordenen Gott sind nicht schön. Er wird angefeindet, geprügelt, verraten, angespien und elend umgebracht. Er weicht dem Leid nicht aus, ist aber auch kein eiskalter Held. Er zittert vor Angst, ist verzagt, hadert mit der Allmacht und schreit seinen Schmerz gen Himmel. Er ist da ganz Mensch. Aus Barmherzigkeit.

So können wir in schweren Zeiten sehen, wo Gott ist: nicht weit weg im Himmel, sondern hier bei uns – wo wir leiden, unter Krankheiten, Sterben und Tod, an der Pandemie und all ihren Begleiterscheinungen, unter Gewalt und Unrecht, Lüge und Verunglimpfung. Wo wir am Ende sind mit unserer Kraft, wo wir trauern und verzweifeln, uns ohnmächtig und schwach fühlen, hoffnungslos und deprimiert sind, da ist er ganz nah bei uns und fühlt mit uns. Wenn der Weg uns so viel abverlangt, geht er den Weg mit uns und stärkt uns. Er trägt uns, wenn es zu schwer wird und am Ende trägt er uns hindurch. Dazu stellt er uns auch Menschen wie „Oma Rosa“ zur Seite.

Der Anblick des Gekreuzigten mag auf den ersten Blick erschrecken. Er kann aber auch, wenn ich mit Oskar und der Dame in Rosa weiter und tiefer blicke, das Vertrauen stärken, dass „Gott gerade dann am allernächsten (ist), wenn er am weitesten entfernt zu sein scheint" (Martin Luther).

„Oma Rosa“, die Oskar nie ausweicht, so dass er erfüllt und mit seinem Schicksal versöhnt sterben kann, vermittelt das für mich auf wunderbar tröstliche Weise.

Pastorin Birgit Hagen,
Klinikseelsorgerin im Herz- und Gefäßzentrum (HGZ) Bad Bevensen


 

 

Tageslosung

Donnerstag, 21. Oktober 2021
Rut sprach: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.


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