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Auferstehung – ein Geheimnis

Wort zum Osterfest (04./05.04.2021)

Ostern 2021 – immer noch im Ausnahmezustand. Ratlosigkeit und Erschöpfung prägen unseren Alltag. Fragen bleiben unbeantwortet, Entscheidungen müssen getroffen werden. Keiner von uns weiß, was noch auf uns zukommt und von uns bewältigt werden muss. Passt diese Gefühlslage der Verunsicherung zu Ostern, zum höchsten Fest des christlichen Glaubens?

Beim Lesen und Nachdenken über das Osterevangelium entdecke ich: Auch im Bericht des Evangelisten Johannes klingen ganz unterschiedliche Gefühle und Stimmungen an. Gerade an diesem schwierigen Osterfest 2021 kann uns der Gedanke an die Auferstehung stärken und trösten.

Es ist eine besondere Atmosphäre an diesem frühen Morgen. Jerusalem schläft. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, noch regt sich nichts in der Stadt. Still ist es auch draußen bei den Gräbern. Kein Windhauch streicht über das Gras, kein Vogelruf ist zu hören.

Etwas abseits von den anderen Gräbern liegt ein neues Felsengrab. Davor lehnt eine Gestalt, kaum wahrnehmbar in der Morgendämmerung. Sehr früh, bevor die anderen aufwachen, ist Maria von Magdala zum Grab gegangen. Sie will allein sein. Allein mit ihrer Trauer und mit ihrem Toten. Ungestört will sie sich erinnern an das Leben mit ihm und an diese schlimmen letzten Tage, in denen sich die Ereignisse überstürzt haben. Da gab es keine Hoffnung mehr auf einen guten Ausgang. Das einzige, was sie und die anderen Frauen noch tun konnten: Bleiben. Ihn nicht verlassen. Aushalten bei der Kreuzigung. In einiger Entfernung hatten sie gestanden, so dass Jesus sie noch sehen konnte. Ob er sie noch wahrgenommen hat? Wann verlässt einen Sterbenden das genaue Hinsehen, der gezielte Blick? Sie weiß es nicht.

Als sie nun zum Grab kommt und es leer findet, verliert sie die Fassung. Nicht einmal das ist ihr geblieben: ein letzter ungestörter Abschied dort am Grab, wo sie sich Jesus nahe fühlt. Das Grab ist leer. Jetzt gibt es keinen Ort mehr für ihre Trauer. Alle Kraft hat sie verlassen. Sie kann nicht mehr weiter, keinen Schritt. Sie steht am Grab und weint bitterlich.

Die Ostergeschichte ist die Geschichte eines langen Weges. Am Anfang dieses Weges steht die Trauer. Der Evangelist Johannes beschreibt die Trauer und die innere Verwirrung der Maria von Magdala mit sparsamen Worten. Die Auferstehung Jesu ist ein Geschehen jenseits aller Worte. Etwas Unberührbares ist damit verbunden. Das Geheimnis, das die Auferstehung umgibt, wird bleiben. All unsere Vermutungen, unsere vernünftigen Überlegungen und theologischen Gedanken kommen diesem Geheimnis nicht auf die Spur. Die Auferstehung ist etwas jenseits aller Ordnung und Vernunft. So wenig, wie wir einen Schmetterling anfassen können, ohne ihn zu zerstören, können wir auch die Auferstehung „begreifen“. Aber so, wie von einem Schmetterlingsflügel ein Hauch von Gold an unserem Finger haftet, so gibt es fast unmerkliche Hinweise in dem Evangelien¬bericht des Johannes.

„Spricht Jesus zu ihr: Maria!“ In diesem Augenblick, als Maria bei ihrem Namen gerufen wird, begreift sie. „Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni! Das heißt: Meister!“ Zwei, die miteinander vertraut sind, haben sich wiedergefunden, und dieses Wiedersehen überbrückt Zeit und Raum und sogar den Tod.

„Rabbuni, mein Meister!“ Mit diesem Ausruf erkennt Maria den Auferstandenen als ihren Herrn an. Ein Augenblick des Erkennens und der Erschütterung. Ein Augenblick, den anderen zu umarmen und sich zu vergewissern: Bist du es wirklich? Aber diese Nähe wird Maria verwehrt. „Jesus spricht zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“ Für die Begegnung, die hier stattfindet, gelten nicht mehr unsere menschlichen Formen des Umgangs. Es ist eine andere, neue Art der Begegnung, und diese Begegnung lässt sich buchstäblich nicht begreifen und festhalten. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist unbegreiflich und unvergleichlich. Das Geheimnis der Auferstehung bleibt. Allen Versuchen, sich ihm anzunähern, werden Grenzen gesetzt.
Diese unbegreifliche Begegnung mit dem Auferstandenen hat eine solche Wirkung auf Maria von Magdala, dass sich ihre gesamte Lebensperspektive ändert. Sie geht fort vom Grab, fort von dem Ort, an dem sie den Toten suchte, hin zu den Lebenden, den Jüngern Jesu.

Es ist eine veränderte Maria, die bei ihnen ankommt. Frühmorgens ist sie aufgebrochen zum Grab. Langsam ist sie gegangen, verweint und bedrückt, den Blick gesenkt, am Arm den Korb mit den Salben, die für den Toten bestimmt waren. Jetzt ist alles Langsame, Starre von ihr gewichen. Sie läuft zurück und atmet heftig. Es ist, als ob sie das Leben selbst zu den verstörten, verkrochenen Jüngern zurückbringt. Aufrecht und mit funkelnden Augen steht sie vor ihnen und verkündigt ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen!“

Johannes beschreibt, wie Ostern, die Begegnung mit dem Auferstandenen, einem Menschen geschieht. Maria von Magdala hat sich umgewandt und ihre Blickrichtung verändert: Vom Toten, den sie vergeblich sucht, hin zum auferstandenen Christus. An ihr wird deutlich: Unser Glaube hat seinen Ursprung in einem Geschehen, das uns bis ins Innerste erschüttert. Der Kampf gegen die Todesmächte wird in unserer Seele ausgetragen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Und doch ist da etwas, was fortwirkt. Ich denke an eine alte Frau, die einmal von sich sagte: „Ich bin ein Auferstehungsmensch!“ Das ist etwas grundsätzlich anderes als nur unverwüstliche Willenskraft. Diese Frau hat ihr erfülltes Leben voller Herausforderungen von ihrem Glauben her gelebt. Lebensgestaltung aus der Auferweckung heraus. Ihr Glaube an die Auferstehung war die Wurzel für ihre Lebenszugewandtheit bis ins hohe Alter.

Auferstehung – sie berührt jeden von uns auf eigene, ganz persönliche Weise. Als Erschütterung oder als Kraftquelle. Manchmal ist da auch beides in einem. Als Herausforderung, die unseren Widerspruch anregt. Als ein Geheimnis, das wir nur bestaunen können, ohne es je zu lösen. Und als Trost und Ausblick über unser Leben hinaus.

Maria nimmt aus diesem Geschehen einen Auftrag mit. Jesus sagt zu ihr: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Und sie geht und verkündigt: „Ich habe den Herrn gesehen!“

Das Herz für diese Botschaft öffnen und das Außerordentliche weitersagen. Neu gehen lernen, dort, wo ein Weg ans Ende gekommen ist. Sich mit hineinnehmen lassen in dieses Geschehen; Erschütterung, Zweifel und Hoffnung zulassen. Ostern geschieht einem einzelnen Menschen. Ostern geschieht uns.

Ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Dorothea Mecking,
Pastorin in Molzen, Rätzlingen und Lemke-Wieren

 

 

Tageslosung

Donnerstag, 21. Oktober 2021
Rut sprach: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.


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