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Spirit bewegt

Wort zum Sonntag, 23.05.2021 (Pfingsten)

Unter den christlichen Festen ist Pfingsten das am wenigsten greifbare. Schon beim allerersten Pfingstfest fragten sich die Menschen „Was will das werden?“, erzählt die Bibel in der Apostelgeschichte (2,12) des Neuen Testaments.

Ein Fest des Heiligen Geistes. Der Geburtstag der Kirche. Feiertage im beginnenden Sommer. Endlich wieder unter freiem Himmel sein, vielleicht auch zum Gottesdienst. – Ist eine Bedeutung darunter, die für Sie beim Lesen – jetzt – passt? Vom Heiligen Geist wird in der Bibel erzählt, dass er diese Ideen verbindet. Dass überhaupt das Verbindende seine wichtigste Eigenschaft ist. So können der eingangs erwähnten Pfingstgeschichte nach Menschen ganz unterschiedlicher Sprachen und Herkunft einander verstehen.

Aber mal am Anfang angefangen: Da nämlich – im Anbeginn der Welt – begegnet der Heilige Geist als schöpferische Kraft Gottes, die alles ins Leben ruft. Die. In der ersten Schöpfungserzählung des Alten Testaments – in der Tora des Judentums – wird die weibliche Sprachform verwandt: die Heilige Geistkraft. Sie ist zugleich der Atem, der den Menschen durchströmt und ihn mit allem Lebendigen verbindet. Im Grünen, unter freiem Himmel lässt sich das jetzt mit allen Sinnen spüren. Beim Ausflug mit dem Fahrrad, beim Gärtnern, aktiv in der Natur.

Und auch das allererste Pfingstfest wird sinnenvoll beschrieben – die Elemente sind in Bewegung: Die Luft braust wie im Sturm, Begeisterung erfasst die Menschen wie Feuerflammen. Wenn Menschen sich für etwas begeistern, dann „brennen“ sie dafür, sagen wir. Wofür brennen Sie? Was begeistert, was setzt in Bewegung?

Geht ja nicht, mag manch eine, manch einer denken. Und an all das, was jetzt – noch – nicht möglich ist. An die Mühen. An die Belastungen. Mag die Erschöpfung spüren nach mehr als einem Jahr der Pandemie. Auch die Enge im Kopf, wenn so Vieles mehr zu bedenken ist. In kurzen Zeitabschnitten und kleinen Spielräumen. Das lässt still werden, nicht begeistert; den Atem anhalten.

Vorsichtig und zart weht uns so Erstarrte die Kraft des Geistes an. Wie ein Windhauch. Und vielleicht gab es auch schon solche Momente in der letzten Zeit: frischer Wind, der um die Nase weht, oder ein Gedanke, der mit einem Mal den Himmel weit werden lässt und die Lebensgeister beflügelt. Ein Aufatmen ermöglicht. Die eigene Geisteskraft erfrischt.

In der jüdisch-christlichen Tradition geht es immer wieder darum, dass Menschen neue Impulse bekommen und aufnehmen. Dass sie sich auf die unsichtbare, nicht zu fassende Kraft Gottes einlassen und sich ins Unbekannte wagen. Auch mit der Frage: „Was will das werden?“. Stärker aber noch bewegt und angetrieben von diesem Geist, der dem Leben dient. Der tröstet und versöhnt, Gemeinschaft stiftet und belebt. So wirkt der Heilige Geist in der Vorstellung des Neuen Testaments. Und bewirkt bei Menschen wiederum Erstaunliches, zum Beispiel „herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“, wie im Brief an die junge christliche Gemeinde in Kolossä in der heutigen Türkei zu lesen ist (3,12). Auch diese Begabungen und Geisteshaltungen können strapazierte Seelen stärken.

So bietet die Vorstellung des Heiligen Geistes Kraftquellen an und das Pfingstfest den Freiraum, daraus zu schöpfen und aufzutanken. Nicht nur individuell, sondern in Verbundenheit, zumindest im Geiste. Und das ist ja gar nicht genug wertzuschätzen. In der Pluralität von Meinungen und Vorstellungen, Erfahrungen und Hintergründen, Einschätzungen und Sichtweisen das Gemeinsame zu suchen und zu sehen.

Eine ökumenisch verantwortete Kampagne schaut derzeit so auf die enge Beziehung des Christentums mit dem Judentum. Unter dem Titel #beziehungsweise gibt sie einen Beitrag zum Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. So zeigt die Kampagne auch die Nähe des jüdischen Wochenfestes Schawuot und des christlichen Pfingstfestes auf. „Spirit bewegt: Schawuot feiert den lebensstiftenden Geist der Zehn Gebote, Pfingsten die Geistkraft Gottes, die Mutlose bewegt. Orientierung und Inspiration: Gestalten und mutig voranschreiten!“, heißt es auf dem Plakat. Ein wahrhaft inspirierender und geistvoller Gedanke: aus der Kraft dieser beiden Religionen zu schöpfen, ihren gedanklichen und kulturellen Reichtum sichtbar zu machen. Auch angesichts der jüngsten Übergriffe auf Synagogen in Deutschland und in der Fürbitte um Frieden im Nahen Osten. „Spirit bewegt“ – möge guter, lebensdienlicher Geist uns erfüllen.

Gesegnete Pfingsten – frohe Feiertage!

Pastorin Stefanie Arnheim,
Suhlendorf


Mehr zur Kampagne:
www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de
(Schawuot – Pfingsten)

 

Tageslosung

Donnerstag, 05. August 2021
Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR.
Paulus schreibt: Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.


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