„Schaf-Sein“ ist cool

19. April 2026

Pastor Ulf Cyriacks, Ev.-luth. Kirchengemeinden Himbergen und Römstedt

Wort zum Sonntag, 19.04.2026 (2. So. n. Ostern)

Ulf Cyriacks (Foto: privat)

Es sind unruhige Wochen, in denen wir uns gerade befinden. Wenn wir an der Zapfsäule stehen oder den Wocheneinkauf erledigen, spüren wir, wie die Inflation unseren Alltag fest im Griff hat. Während die Politik über Steuersenkungen und Entlastungspakete diskutiert, fragen sich viele von uns: Wer behält hier eigentlich noch den Überblick? Sorgt jemand dafür, dass am Ende des Monats niemand auf der Strecke bleibt?

An diesem Sonntag feiern wir den Sonntag vom „Guten Hirten“. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, heißt es im 23. Psalm. Das klingt nach Idylle und fernen Weiden. Jedoch wirkt das Bild vom Hirten und seiner Herde auf uns heute eher wie aus der Zeit gefallen oder fast schon kitschig. Wer möchte schon ein Schaf sein? Und überhaupt: Wer hütet heute noch Schafe? Wir leben in einer Welt von Algorithmen, Terminkalendern und globalen Krisen.

Aber eben gerade deshalb ist die Botschaft am „Hirtensonntag“ aktueller denn je. Ein Hirte tut im Kern drei Dinge: Er gibt Orientierung, er schützt und er kennt jedes einzelne Tier beim Namen.

In unserem Alltag fühlen wir uns häufig mehr wie Getriebene als wie Geführte. Wir müssen funktionieren, entscheiden und uns behaupten. Fühlen wir uns nicht oft wie eine Herde, die im Nebel der globalen Krisen und ökonomischen Unsicherheiten die Orientierung verloren hat? Wir hören viele Stimmen, die uns Sicherheit versprechen, doch oft bleibt das Gefühl der Überforderung.

Dieser Sonntag lädt uns ein, die Rollen zu tauschen: Wir müssen nicht die Welt retten, wir müssen nicht alles im Griff haben. Wir dürfen Schaf sein. Das klingt nach Schwäche, ist aber eine unglaubliche Freiheit. Zu wissen: Da ist einer, der den Überblick behält, auch wenn ich im „finstern Tal“ meiner Sorgen stecke. Da ist einer, der mich bei meinem Namen nennt, auch wenn ich mich in der anonymen Masse verloren fühle.

Dieser Sonntag lädt uns ein, innezuhalten. Er nimmt uns nicht die Sorge um die Spritpreise oder die Miete ab, aber er gibt uns einen anderen Standpunkt. Wir sind nicht allein gelassen mit den Krisen um uns herum. Es gibt eine Instanz, die größer ist als Konjunkturdaten und Wahlergebnisse.

Vielleicht ist dieser Sonntag eine Einladung, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Wem folge ich eigentlich? Der Stimme der Angst, dem Druck der Erwartungen – oder der Stimme, die mir sagt: „Du bist wertvoll, du bist behütet, du bist nicht allein.“

Vielleicht können wir aus diesem Vertrauen heraus auch selbst zu „Hirten“ füreinander werden: Indem wir denen zur Seite stehen, die die gegenwärtige Situation besonders hart trifft, und einander nicht aus den Augen verlieren. Denn eine gute Herde zeichnet sich dadurch aus, dass sie zusammenhält – gerade wenn der Weg steinig wird. 

Pastor Ulf Cyriacks,
Ev.-luth. Kirchengemeinden Himbergen und Römstedt

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören