Heute schon gesungen?

03. Mai 2026

Diakonin Carolin Höft, Ev.-luth. Kirchengemeinden St. Marien Uelzen und Veerßen

Wort zum Sonntag, 03.05.2026 (4. So. n. Ostern)

Carolin Höft (Foto: privat)

Heute schon gesungen? – Unter der Dusche trällern, vor sich hin summen bei routinierten Handgriffen in der Küche, ambitioniert im Chor oder zusammen mit tausend anderen Stimmen im Fußballstadion: Gesang kann unseren Alltag durchdringen, ohne dass es uns überhaupt auffällt.

Gleichzeitig scheint es mir, dass Singen bei sehr vielen Menschen schambesetzt ist. „Ich kann nicht singen“, wird im entschuldigenden Ton angebracht, wenn ein gemeinsames Ständchen zum Geburtstagstag vorgeschlagen wird. Auch in so manchem Gottesdienst bleibt der Gesang verhalten - und das nicht nur bei unbekannten Liedern. Auch kenne ich kaum jemanden, der oder die unbefangen vor sich hinsingt, wenn andere zuhören. Was macht uns so unsicher?

Diese Woche steht aus kirchlicher Sicht der Sonntag Kantate an. „Kantate“, aus dem Lateinischen übersetzt „Singe!“, bezieht sich auf den ersten Vers des 98. Psalms: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ - Eine klare Ansage! Es werden in diesem Psalm auch Instrumente aufgezählt, doch die Stimme als wichtigstes Element wird direkt am Anfang des Psalms genannt.

Gesang ist ein Grundausdruck des christlichen Glaubens und auch vieler anderer Weltanschauungen. Der Spruch „Wer singt, betet doppelt“ kann zwar nicht wörtlich dem Theologen Augustinus zugeordnet werden, jedoch wird in seinen Schriften dieser Gedanke deutlich: Musik und Worte wirken gemeinsam stärker, verschaffen uns tieferen Zugang zu unseren Emotionen. Wenn wir mit dem Göttlichen in Kontakt kommen wollen, dann kann Gesang also dabei helfen. Ich muss kein frommes Lied singen. Die innere Haltung kann jedes Lied, jede Melodie zum Gebet machen. Wenn die Töne unseren Gefühlen Flügel schenken, braucht es auch keine Perfektion.

„Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Eine klare Aufforderung, die nicht davon abhängt, ob man die Töne trifft oder textsicher ist. Mit dem Herzen dabei sein und lossingen – ob unter der Dusche oder in der Warteschlange: Gott hört hin.

Diakonin Carolin Höft,
Ev.-luth. Kirchengemeinden St. Marien Uelzen und Veerßen

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören