„Hallo Gott“ oder „Lieber Gott“?

10. Mai 2026

Diakonin Julica Boyken, Ev. Kinder- und Jugendbüro, Region Nord

Wort zum Sonntag, 10.05.2026 (5. So. n. Ostern)

Julica Boyken (Foto: privat)

„Hallo Gott“ oder „Lieber Gott“„Vater unser im Himmel“ oder doch „Allmächtige“? - Wie beginne ich mein Gespräch mit Gott und was bedeutet für mich Beten?

Viele Worte fallen mir ein, wenn ich ans Beten denke: danken, bitten, wünschen, anklagen, benennen, wundern, freuen, singen, flüstern, schreien, teilen, hören, tanzen und noch viele mehr. Da fragt mich mein erwachsener Sohn: „Mama, was machst du gerade?“ Ich antworte ihm: „Ich schreibe ein Wort zum Sonntag. Der nächste Sonntag heißt „Rogate“ (Betet).“ Schlagfertig höre ich von ihm: „Bei den Nachrichten zurzeit fangen sogar Atheisten an zu beten.“ Todesfälle auf Kreuzfahrtschiff, Angriffe auf die Straße von Hormus, Amokfahrt in Leipzig, Krieg im Sudan, Hunger und Gewalt auf Haiti, Überschwemmungen in Spanien, Tote nach russischem Angriff, Krieg in Nahost. - Die Liste der schlechten Nachrichten hört nicht auf. Und vielleicht ist Beten für Gesundheit und für Frieden in der Welt eine Möglichkeit damit umzugehen.

Aber wie geht Beten? - Jesus ist das auch einmal gefragt worden. Er hat mit einer Geschichte, einem Gleichnis, geantwortet. Das hat er oft getan. Er hat erzählt, Beten ist wie, wenn du mitten in der Nacht zu deinem Freund gehst. Du willst dir Brot leihen für unerwarteten Besuch, der hungrig ist. Du willst dir das Brot leihen, weil du selbst keins hast. Erst klopfst du leise an, oder klingelst vorsichtig. Du schreibst vielleicht eine Nachricht, damit niemand sonst im Haus deines Freundes gestört wird. Aber das alles nutzt nichts. Du musst lauter werden. Du musst so laut werden, dass deinem Freund nichts anderes übrigbleibt, als dir das Brot zu leihen.

Ist das Beten? Gott so lange mit meinem Anliegen auf die Nerven gehen, dass Gott nichts anderes übrig bleibt als mir zu helfen? Für mich steckt an diesem Sonntag Rogate noch ein anderer Gedanke in dieser Geschichte vom Beten. Sie erzählt davon, Verantwortung zu übernehmen. Ich mache mich auf den Weg, um meinen hungrigen Gast zu versorgen, weil ich selbst gerade nichts im Haus habe. Ich lasse meinen Gast nicht im Stich. Ich sage ihm nicht, tut mir leid, geh woanders hin, ich habe nicht genug für dich. Und zu dieser Verantwortung gehört auch, dass das Brot vom Freund geliehen ist. Es ist nicht geschenkt, ich muss es meinem Freund zurückgeben. - Ich selbst trage die Verantwortung für Gesundheit und Frieden in der Welt mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. - Und wenn mitten in der Nacht diese Mittel ausgehen, ist da ein Freund oder eine Freundin, die ich rufen kann: „Hallo Gott, hier bin ich, ich brauche deine Unterstützung, jetzt!“

Diakonin Julica Boyken,
Evangelisches Kinder- und Jugendbüro, Region Nord

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören