Die beiden Adventsgefühle


Wort zum Sonntag, 07.12.2025 (2. Advent)

von Pastor Johannes Luck, Gesamtkirchengemeinde Bevensen-Medingen, stellv. Propst
Johannes Luck (Foto: privat)

Der Dezember hat diese ganz eigene Stimmung. Die Tage sind kurz, die Luft riecht nach Kälte und Kerzenwachs, und irgendwo zwischen Alltagsstress, Erkältungen, Terminen und den ersten Plätzchen spürt man plötzlich etwas Unbestimmtes: Ein Kribbeln! Etwas, das sich nicht erklären lässt, das sich aber genau richtig anfühlt.

Das 2. Adventswochenende fällt mitten hinein in diese Stimmung – und bringt mit dem Nikolaustag eine besondere Erinnerung zurück. Viele von uns kennen das noch aus der eigenen Kindheit: Der Abend, an dem man die Stiefel geputzt hat, als wären sie der wichtigste Gegenstand der Welt. Dieses Gefühl, dass die Nacht ein bisschen heller ist als sonst. Und am nächsten Morgen – barfuß, verschlafen, neugierig – das Rennen zur Haustür, wo man die sauberen Stiefel bereitgestellt hatte. Vorfreude in ihrer reinsten Form. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Nikolaus auch als Erwachsene etwas mit uns macht. Nicht allein wegen der Schokolade im Stiefel. Sondern weil dieser Tag zeigt: Warten kann schön sein. Warten kann lebendig machen.

Und gleichzeitig erinnert mich der Advent jedes Jahr daran, dass neben der Vorfreude noch etwas anderes in mir wohnt: Sehnsucht. Diese leise, tiefe Sehnsucht nach Licht in dunklen Momenten. Nach einem guten Wort, wenn alles zu viel wird. Nach dem Gefühl, dass es gut weitergeht – auch wenn der Weg gerade nicht klar ist.

Vielleicht ist Advent genau deshalb so kraftvoll: Er hält Vorfreude und Sehnsucht nebeneinander aus, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Sie sind keine Gegensätze, sondern zwei Schwingungen derselben Melodie. Zwei Seiten einer Münze, die nur gemeinsam vollständig sind.

Die Vorfreude hat etwas Kindliches: Sie lässt das Herz schneller schlagen, wenn die erste Kerze brennt oder Lichterketten die Straßen hell machen. Man spürt, da kommt etwas Gutes – und es kommt immer näher.

Die Sehnsucht klingt erwachsener: Sie taucht auf in Tagen, die sich schwerer anfühlen, oder in Momenten, in denen unser inneres Licht nur schwach flackert. Man braucht dieses Gute – und hofft, dass es zu einem kommt.

Und genau zwischen diesen beiden Stimmungen wandern wir im Advent. Manchmal ist der Weg ein bisschen mehr Vorfreude – spielerisch, leicht, fröhlich. Manchmal ist er mehr Sehnsucht – ruhiger, fragender, nachdenklich. Beides gehört dazu. Beides zeigt etwas über uns. Und beides sagt etwas über Weihnachten. Denn Weihnachten bedeutet nicht nur „Freut euch, denn etwas Wunderschönes kommt.“ Es bedeutet auch: „Ich sehe deine Sehnsucht. Und ich komme genau dort hinein.“

Der Nikolaustag erinnert daran auf eine ganz einfache, fast poetische Weise: Etwas Gutes findet dich. Nicht weil du brav gewartet oder alles richtig gemacht hast, sondern einfach, weil du gesehen wirst. Weil Licht seinen Weg findet zu dir. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“, steht im Jesajabuch im 9. Kapitel. Dieses Licht ist nicht auffällig oder laut. Es ist nicht kitschig. Es ist nicht nur für die Glücklichen oder die, die alles im Griff haben. Es ist für alle, die sich danach sehnen! Und für alle, die sich auf das Weihnachtslicht freuen.

Vielleicht ist der Advent genau deshalb so kostbar: Weil er uns beide Gefühle erlaubt – und beide ernst nimmt. Weil er uns daran erinnert, dass Vorfreude und Sehnsucht zusammengehören wie zwei Kerzen, die miteinander als ein noch größeres Licht scheinen. Und weil er still flüstert: Das Licht ist unterwegs. Und es wird auch dich finden.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Adventszeit voller Vorfreude und Sehnsucht!

Pastor Johannes Luck,
Gesamtkirchengemeinde Bevensen-Medingen,
stellvertretender Propst des Kirchenkreises Uelzen

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören