Nun ist er da, der Heiland. Das kleine Kind, das in unsere Welt gekommen ist, um zu heilen.
Unsere Tochter war drei Monate alt, als ich eine langjährige Freundin besuchte. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Ihre Tochter war ein knappes Jahr älter als unsere. Während wir saßen und erzählten, gesellte sich ihr Mann dazu. Seit Monaten litt er unter Rückenschmerzen. Verschiedene Therapien hatte er ausprobiert, aber alle waren ohne Erfolg geblieben. Er nahm unsere Tochter auf den Arm, atmete den ihr anhaftenden Babygeruch ein und streichelte ihr über den Kopf. Ihm stand wieder die Zeit vor Augen, als seine eigene Tochter so klein gewesen war. Das Geschenk des Lebens, die Fülle einer großen Liebe. Sein Gesicht entspannte sich. Es war ihm abzuspüren, wie gut ihm das tat. Als er mir unsere Tochter wieder gab, ging es ihm besser, „so gut wie schon seit langem nicht mehr“, sagte er. Als kleines Kind hatte unsere Tochter etwas in ihm angerührt, das die Schmerzen eine Zeit lang lindern kann.
Kinder heilen auf ihre eigene Art. Ohne Vorbehalte nehmen sie Kontakt zu Menschen auf, von denen ich meinen Blick schnell wieder wenden würde. Sie entlocken einem Griesgram ein Lächeln und sorgen dafür, dass so manch Erwachsener merkwürdige Dinge tut. Kinder können etwas anrühren, etwas wachrütteln, das tief in uns schlummert.
Die Weihnachtsgeschichte erzählt davon – mit den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland. Gott macht sich so klein, dass er als Kind in der Krippe unser Herz erobern kann. Als Kind heilt er auf die ihm eigene Art, als könnte er erspüren, was uns gerade fehlt.
Manchmal kommt unsere Tochter und legt den Arm um mich. Sie sagt keinen Ton und ist einfach da, als ob sie ahnt, dass ich gerade jetzt ihren Trost so dringend brauchen kann.
„Werdet wie die Kinder“, wird der „Heiland“ später sagen. Er wird immer noch aus seinem Herzen heraus leben, lieben und heilen. Mit kindlicher Liebe wird er die Ausgegrenzten ansehen und Menschen zur Umkehr bewegen. Selbst im Tod teilt er noch Liebe aus, weil Gottes Liebe ihm nichts und niemand nehmen kann.
So heilt dieses Kind – sein Leben lang, bis heute.
Pastorin Susanne Hallwaß,
Ev.-luth. Kirchengemeinden Barum-Natendorf und Ebstorf