Grandioses Neuverstehen

08. Februar 2026

Wort zum Sonntag, 08.02.2026 (2. So. vor der Passionszeit)

Pastor Christoph Scharff-Lipinsky, Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Petri Uelzen (Foto: privat)

Letztes Wochenende waren alle Konfirmand*innen der Stadt Uelzen gemeinsam auf Konfirmandenfahrt. Über die Bedeutung der Taufe haben wir uns mit den Jugendlichen unterhalten. Die Liebe, die Leben schaffen will, wurde vielfältig thematisiert.

Und an jedem Abend feierten wir Andacht mit den 70 Jugendlichen. Ein Kollege erzählte dabei das norddeutsche Märchen vom Fischer und seiner Frau Ilsebill. Die Gebrüder Grimm haben es in ihre Märchensammlung aufgenommen.

Ein Fischer fängt einen sprechenden Butt, lässt ihn wieder frei und bekommt vom Butt das Versprechen, dass dieser ihm seine Wünsche erfüllen würde. Er solle ihn nur am Meeresstrand rufen: „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in de See!“

Der Fischer selbst ist bescheiden, aber seine Frau mag nicht mehr in dem armseligen Fischerhaus wohnen, im Märchen „Pissputt“ genannt. Nach und nach wünscht sie sich mehr Reichtum und Macht. Ihre Wünsche werden immer gieriger, der Fischer immer verzweifelter. Doch jedes Mal erneut steht er am Strand und ruft: „Manntje, Manntje, Timpe te, Buttje, Buttje in de See, mine Fru de Ilsebill, will nich so as ik wohl will!“

Mit dem letzten Wunsch will die Frau sein wie der liebe Gott. Nachdem der Fischer den Butt herbeigerufen und seinen Wunsch ausgesprochen hat, antwortet der Butt: „Gah man too Hus, din Fru sitzt allwedder in ern Pissputt.“

Hier endet das Märchen und die Jugendlichen hören aufmerksam zu. Mein Kollege fragt, was es wohl zu bedeuten habe, dass der Fischer und seine Frau am Ende wieder in ihrer armseligen Hütte säßen. - Da meldet sich eine Konfirmandin und antwortet, dass Gott ja nicht in Macht und Reichtum zu finden sei. Gott sei bei den Menschen, die in Armut und Leid lebten. Deswegen müsse die Frau als Gott wieder in ihrem „Pissputt“ zurück, damit sie als Gott ganz nah bei den Menschen sei.

Was für ein toller Gedanke! So habe ich dieses Märchen noch nie verstanden. Und ich habe es als Kind oft erzählt bekommen, als Vater auch erzählt. Immer ging es um die Bestrafung der Frau wegen ihrer unersättlichen Gier. - Aber Quatsch! Ich habe immer Unrecht gehabt! Denn auch als Christkind ist Gott in einem „Pissputt“ geboren.

Pastor Christoph Scharff-Lipinsky,
Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Petri, Uelzen

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören