Als ich vom Marktgang nach Hause komme, stelle ich den Korb auf den Tisch. Porree, Möhren und Steckrübe wandern in den Vorratsraum, der Essigreiniger aus der Drogerie ins Regal. Zuletzt nehme ich noch die große weiße Kerze aus dem Korb. Aus dem Vasenschrank hole ich ein Windlicht. Ich stelle die Kerze hinein. Ich platziere sie auf dem Fensterbrett. Denn am Sonntag ist Worldwide Candle Lighting.
An jedem zweiten Sonntag im Dezember gedenken Eltern, Geschwister, Großeltern ihrer verstorbenen Kinder. Auch Freundinnen und Freunde machen mit. Dazu zünden Sie um 19 Uhr Ortszeit eine Kerze an und stellen sie ins Fenster. Diese Kerzen brennen in allen Zeitzonen. So entsteht eine Lichterkette um die ganze Welt. Ein Zeichen der Solidarität mit denen, die ein Kind verloren haben. Und ein Zeichen dafür, dass keines dieser Kinder vergessen ist.
Ich denke an Sebastian. Das erste Kind, von dem ich mit seiner Familie Abschied genommen habe. Neun Jahre war er alt. Er mochte Autofahren und Eis, Trecker und das Meer. Und wenn er etwas blöd fand, steckte er die Zunge raus. Denn Sebastian konnte weder sprechen noch gehen. Um aufrecht zu sitzen, brauchte er Unterstützung. Aber das hielt ihn nicht davon ab, dem Rest der Welt seine Meinung mitzuteilen. Dass er nicht alt werden würde, hatte man seinen Eltern schon bei der Geburt gesagt. Als er bei einer Routine-OP verstarb, war es dennoch unerwartet. Und für seine Familie ein schrecklicher Verlust.
Ich denke an eine ältere Dame, die ihre Tochter verloren hat. Ein Schlaganfall mit Mitte 40. „Ein Kind sollte nicht vor den Eltern gehen“, hat sie gesagt. Damals habe ich verstanden: Ein Kind ist ein Kind. Und egal in welchem Alter man es loslassen muss, tut das entsetzlich weh.
Ich denke an eine ehemalige Konfirmandin. Als sie 15 war, würde in ihrem Kopf ein Tumor entdeckt. An einem Sommertag ein halbes Jahr später nahm das ganze Dorf von ihr Abschied. Der ganze Friedhof war voller Menschen. Anschließend gab es die besten Erdbeertörtchen der Stadt. Die mochte sie so gern.
Für alle diese Kinder wird meine Kerze am Sonntagabend brennen. Und für die anderen, an die ich denke. Vorher – um 15 Uhr – laden wir in die St.-Gertruden-Kapelle ein – zur Andacht in Solidarität mit verwaisten Eltern, Geschwistern und Großeltern.
In der Propstei lege ich schließlich noch die Streichhölzer auf das Fensterbrett. Nun ist alles vorbreitet. Der Sonntagsabend kann kommen. Kein Kind ist vergessen.
Pröpstin Wiebke Vielhauer,
Ev.-luth. Kirchenkreis Uelzen