Der heutige Tag ist mein Geburtstag. Der 27. Januar. An diesem Tag im Jahr 1945 wurde ich gerettet. Ich heiße Tova Friedmann und ich bin Jüdin. Ich war sechs Jahre alt, als ich in Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Aus meiner Heimatstadt in Polen haben mit mir vier von insgesamt 150 Kindern den Vernichtunsgswillen der Deutschen überlebt. Unser Verbrechen? Dass wir jüdische Kinder waren.
Ich erinnere mich. Die jüdischen Kinder meiner Heimatstadt in Polen, werden von den Deutschen mit ihren Eltern in einen Hof getrieben. Ich sitze mit meiner Mutter in einem Versteck und sehe durch eine Mauerritze. Ich höre die bellenden Befehle der deutschen Soldaten.
Ein Mädchen, so alt wie ich, klammert sich auf den Armen ihrer Mutter fest. Die Soldaten reißen sie fort. Das Mädchen weint, alle Kinder weinen. Die Mutter schreit, alle Mütter und alle Väter schreien. Und dann ist der Hof leer. Alle Kinder sind fort. Es ist totenstill. Sie werden in den Zug wie Vieh geladen. Der Zug wird sie in die Todesfabrik bringen. Mein Herz zerreißt. Und ich denke: Bin ich jetzt das einzige jüdische Kind auf der Welt, das noch übrig ist?
Kurze Zeit später werden auch meine Eltern und ich in Züge verladen. Wir werden getrennt. Ich sehe meinen Vater das erste Mal weinen. Er wird in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Meine Mutter und ich in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ich erinnere mich an den Durst und den Hunger und die Enge in dem dunklen Viehwaggon und wie ich mich die ganze Zeit an der Hand meiner Mutter festhalte.
An einem trüben Sonntag kommen wir in Auschwitz an. Die Sonne ist rauchverschleiert und ich rieche den säuerlichen Gestank. Auf der Rampe stehen viele Hundert Frauen und Kinder. Alle sind nackt. Der Wind ist eisig. Auch meine Mutter und ich müssen uns ausziehen. Ich versuche den scharfen Zähnen der deutschen Schäferhunde auszuweichen. Wieder bellen Soldaten deutsche Worte. Ich zittere. Ich frage meine Mutter: Warum stehen alle hier nackt? Und meine Mutter hebt den Arm und zeigt mit ihrer Hand auf den weißen Rauch. Wir wissen, dass sie uns alle hier töten wollten.
Stundenlang auf der Rampe. Ich zittere und werde ins Gesicht geschlagen. Ich weine. Meine Mutter sagt: Tova, nicht weinen! Steh still! Und ich beschließe, den Deutschen nicht mehr zu zeigen, welch große Angst ich habe. Sie sollen es niemals wissen. Das war meine erste Rebellion. Warum ich überlebt habe? Ich weiß es nicht. Es war Glück.
Was ich aber weiß: Wenn ich eines Tages nicht mehr bin, ist meine Geschichte eure Geschichte. Ihr wisst jetzt, was wirklich passiert ist, und es ist nun eure Verantwortung, die Welt besser zu machen.
Tova Friedmann wird am 28. Januar innerhalb der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus die zentrale Gedenkrede halten.
Pastor Renald Morié,
Ev.-luth. Kirchengemeinden Altenmedingen, Bienenbüttel und Wichmannsburg