Alle Jahre wieder ...

24. Dezember 2025

Wort zum Heiligabend

Pastor Simon Reinecke (Foto: privat)

Alle Jahre wieder roch es in der Stube über Stunden nach heißem Fett und angebratenem Käse. Denn alle Jahre wieder wurde Raclette gegessen. Schon als Kind war das einer meiner Höhepunkte an Weihnachten – natürlich nach den Geschenken. Gemeinsam an einem Tisch, und den kulinarischen Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt, Hauptsache mit Käse überbacken.

Ein Ritual, ein kleines Spektakel, ein kindlicher Höhepunkt des Jahres. So einzigartig dieses Ritual ist, so bunt und vielfältig wird Weihnachten überall gefeiert.

Jede Familie, jede Gemeinschaft bringt ihre eigenen Traditionen mit. Was für die einen Raclette ist, ist für die anderen ein bestimmtes Spiel, das gemeinsame Singen, ein Spaziergang oder ein stiller Abend. Weihnachten hat viele Gesichter.

Doch diese Gesichter verändern sich. Wir werden älter, Menschen kommen dazu, andere fehlen. Manche feiern in kleiner Runde, andere plötzlich allein. Gewohnheiten treffen auf neue Vorstellungen. Wie machen wir es dieses Weihnachten? Da braucht es Kompromisse, Geduld und die Bereitschaft, loszulassen und Neues zu versuchen. Nicht jeder Alle-Jahre-wieder-Moment bleibt, wie er einmal war. Und manchmal merken wir erst an Weihnachten, wie sehr uns genau das fehlt.

Vielleicht ist es gerade diese Erfahrung von Veränderung, die den Blick auf das Wesentliche lenkt. Denn Weihnachten lebt nicht davon, dass alles gleich bleibt. Es lebt davon, dass Gott sich auf das Menschliche einlässt – auf das Unfertige, das Veränderliche, das Nicht-Perfekte.

Alle Jahre wieder wird davon erzählt: Gott wird Mensch. Nicht in einer festgefügten Ordnung, sondern mitten in Unsicherheit, Improvisation und neuen Umständen. Gott kommt nicht dort zur Welt, wo alles geregelt ist, sondern dort, wo Menschen ihren Platz erst finden müssen – auch dort, wo jemand allein ist.

Alle Jahre wieder wird diese Geschichte erzählt. Sie erinnert daran, dass Gottes Nähe nicht an Rituale gebunden ist – so wertvoll sie auch sein mögen. Sie gilt auch dann, wenn Traditionen sich verändern, wenn Kompromisse nötig sind und Vertrautes verloren geht.

So bleibt bei aller Veränderung eines gleich: Alle Jahre wieder kommt Gott zu den Menschen. Nicht weil alles beim Alten bleibt, sondern weil er uns begleitet, während sich alles wandelt. Und genau darin liegt der bleibende Kern von Weihnachten.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, ob bei Raclette, Skat oder ihren ganz persönlichen Traditionen.

Pastor Simon Reinecke,
Ev.-luth. Kirchengemeinde Oldenstadt-Groß Liedern

Raclette am Heiligabend (Foto: congerdesign, Pixabay, lizenzfrei)

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder
Kommt das Christuskind
Auf die Erde nieder,
Wo wir Menschen sind;

Kehrt mit seinem Segen
Ein in jedes Haus,
Geht auf allen Wegen
Mit uns ein und aus;

Ist auch mir zur Seite
Still und unerkannt,
Dass es treu mich leite
An der lieben Hand.

Text: Wilhelm Hey, 1837

Angedacht: Hier können Sie das „Wort zum Heiligabend“ anhören.