„Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2)
Was hat der mir denn Gutes getan – und dann soll ich auch noch dankbar sein? So könnte eine Antwort auf den Wochenspruch der kommenden Woche lauten.
In Dankbarkeit zu leben, ist nicht besonders verbreitet, wenn doch so vieles selbstverständlich erscheint und das Schimpfen und Beschweren mehr zum guten Ton gehört als Dankbarkeit. Es fällt leichter, sich zu ereifern und die Ungerechtigkeit der Welt anzuklagen, als Geschehnisse und Begegnungen wertzuschätzen. Da, wo Dankbarkeit manchmal angemessen wäre, steht oft ein Bewusstsein von: „Das habe ich mir verdient.“
Es herrscht in uns Menschen oft ein Ungleichgewicht: Schlechte Dinge werden anderen angehaftet und Gutes der eigenen Leistung zugeschrieben. Ein verständlicher Vorgang. Das Selbstbild wächst und man blickt auf die schlechte Welt herunter. Nebenwirkungen sind hierbei aber leider oftmals mit inbegriffen, denn solcher Hochmut und eine solche Schimpfkultur machen nicht nachhaltig zufrieden.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Da ist vieles in unserem Leben, wofür wir nichts können – sowohl im Guten als auch im Schlechten. Die eigene Leistung macht nur einen Bruchteil unseres momentanen Zustands aus, denn da ist immer auch der Zufall, der unser Leben formt und in die eine oder andere Richtung treiben lässt.
Wir sind nicht zu 100 Prozent unseres eigenen Glückes Schmied. Und somit sind wir auch nicht zu 100 Prozent verantwortlich für das, was uns passiert. Das kann befreiend sein. Mich befreit es zumindest ungemein und zeigt, dass ich nicht alles in der Hand haben kann. Es ist eine Art von Gottvertrauen, das mich im Leben ruhig werden und manchmal aufatmen lässt. Ein Gottvertrauen, das mich nicht einfach passiv werden lässt, sondern das mich entspannter macht.
Natürlich rege ich mich dabei auch mal über die Welt und auch über Gott auf. Doch neben dem Schlechten ist da auch immer ganz viel Dankbarkeit. Dankbarkeit für das Gute, das tagtäglich passiert, das mir Kraft gibt und worauf ich mich immer wieder freuen kann. Das Gute, das mir unverhofft Tag für Tag geschenkt wird. Diese Dankbarkeit gibt mir ganz viel zurück und schenkt mir immer wieder aufs Neue Hoffnung.
Und somit kann ich immer wieder sagen:
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Rika Hartmann,
Pastorin im Gerdau- und Hardautal