Wenn das Licht angeht

26. Juli 2026

Pastor Holger Holtz, Ev.-luth. Kirchengemeinde Hanstedt I, Theologischer Leiter des Missionarischen Zentrums Hanstedt

Wort zum Sonntag, 26.07.2026 (8. So. n. Trinitatis)

Holger Holtz (Foto: Isabell Massel)

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Irgendwie schreitet nichts voran – außer die Zeit. Der helle Bildschirm vor mir fesselt meinen Blick, zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Draußen wird es langsam dunkel. Ich merke es nicht.

Die Minuten vergehen, der Raum wird dunkler, aber ich nehme es kaum wahr. Das kalte Licht vor mir reicht aus, um weiterzumachen, weiter zu schauen, weiter zu arbeiten. Alles andere verschwindet am Rand meines Blickfeldes. Plötzlich geht die Tür auf. Eine verwunderte Stimme holt mich zurück: „Wie sitzt du hier denn?“ Im nächsten Moment wird das Licht angeschaltet.

Es blendet mich. Ich kneife die Augen zusammen. Und dann, ganz langsam, wird mir klar, wie dunkel es im Raum geworden war. Erst jetzt sehe ich den ganzen Raum wieder – nicht nur den kleinen, hellen Ausschnitt vor mir. 

Wir gewöhnen uns schnell. Es wird dunkler – und wir merken es nicht. Wir richten uns ein im Halbdunkel, gewöhnen uns an das, was unser Blick gerade noch erfasst. Wie gut, wenn es dann jemanden gibt, der weiß, wo der Lichtschalter ist. Der das Licht anmacht, wenn wir es selbst nicht mehr wahrnehmen.

Sich ins Licht holen zu lassen, tut gut. Im Licht wird das Leben klarer, wärmer, bunter. Wenn Paulus vom Licht spricht, meint er das Licht Gottes. Und er stellt fest: Auch in unserem Leben merken wir oft nicht, wie es langsam dunkler wird. Was einmal klar war, wird ungenau. Was einmal wichtig war, tritt in den Hintergrund.

Jesus aber ist gekommen, um das Licht einzuschalten. Sein Licht will unser Leben erhellen und wärmen. Und in diesem Licht wächst etwas, das sichtbar wird: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Güte zeigt sich in kleinen Gesten – in einem freundlichen Wort, in Geduld, im offenen Zuhören. Gerechtigkeit wächst dort, wo Menschen fair miteinander umgehen und nicht wegsehen, wenn etwas schiefläuft. Und Wahrheit beginnt da, wo ich ehrlich werde – mit mir selbst und mit anderen. Im Licht sehe ich dieselbe Welt – und doch anders.

Ich entdecke Liebe, Achtung, Ruhe und Frieden. All das ist da. Reichlich sogar. Aber im Dunkeln nehme ich es nicht wahr. Dann sehe ich vor allem das Auffällige, das Grellere, das mich festhält und meinen Blick verengt.

Jesus schaltet das Licht an – nicht nur um zu zeigen, was dunkel ist, sondern um sichtbar zu machen, wie viel Gutes schon da ist. Und vielleicht beginnt „Leben im Licht“ genau dort: dass ich mich ins Licht stellen lasse – und selbst ein wenig davon weitergebe.

Pastor Holger Holtz,
Ev.-luth. Kirchengemeinde Hanstedt I,
Theologischer Leiter des Missionarischen Zentrums Hanstedt

Angedacht - Das „Wort zum Sonntag“ zum Anhören