Liebe Leserinnen und Leser, liebe Schwestern und Brüder!
Kennen Sie das Wort „rage bait“, also auf Deutsch „Wutköder“? Das sind provokante Aussagen, die Leute sofort in Wut versetzen und sie auf 180 bringen. Das gibt es gerade mehr als genug. Deswegen ist es Jugendwort des Jahres geworden. Am Ende des Kirchenjahres, an dem wir uns gerade befinden, hören wir, wie Gott in diese Welt kommt und ein Reich des Friedens schafft. Ein schöner Kontrast und eine gute Idee, denkt man vielleicht; Gott soll mal gleich anfangen! Aber wie fängt der Friede an? Ich finde, das ist eine gute Frage! Damit würde ich gerne mal auf die Straße gehen und Menschen befragen. Alte und Junge, Menschen von hier und Menschen von woanders, wir alle haben dazu schon Erfahrungen gemacht.
Also, wie fängt der Friede an? Ich denke, Friede fängt bei mir selbst an. Wenn ich Frieden will, dann muss ich erst mal Frieden mit mir selbst haben. Einfach ist es, all das Gute zu akzeptieren, was Gott mir gegeben hat: Meine Talente, meine Gaben, meine Fähigkeiten, all das, was gut läuft. Aber gleichzeitig gibt's da ja auch noch das andere: Das, was mir misslungen ist. Was ich nicht schaffe. Was ich nicht bin, aber so gerne wäre. Das alles gibt es ja auch in meinem Leben. Damit umzugehen, ist schwerer, das schafft mir Not, und ich finde keinen Frieden damit. Wie gern würde ich alles richtig machen, perfekt sein. Aber ich bin es nicht und werde es wohl auch nicht, so sehr ich mich darum bemühe.
Wie kann ich dann trotzdem Frieden finden? Indem ich ihn mir von Gott schenken lasse. Und mir von ihm sagen lasse: Ich habe dich so geschaffen, mit deinen Gaben und deinen Grenzen. Du darfst sein! Lebe dein Leben mit mir und überlass mir den Rest; ich schaffe aus deinen Anfängen etwas Ganzes.
Amen – reicht!
Und wie kommt dieser Friede dann hinaus in die Welt? Was Gott mir verspricht, gilt auch für meinen Nachbarn. Und da wird’s interessant: Was ändert sich, wenn ich Nachbarn mit der gleichen Großzügigkeit begegne, mit der Gott mir begegnet? Wenn ich deren Unvollkommenheiten und Widersprüche mit Wohlwollen ansehe? Ich glaube, dann könnte Friede werden, wenn so altmodische Worte wie Freundlichkeit, Großzügigkeit, Rücksichtnahme wieder groß werden, denn solch eine Haltung bringt Menschen zusammen. Meiner Beobachtung nach sind viele Situationen im Alltag damit zu lösen: Jemanden ansehen, anlächeln, überlegen, was diese Person jetzt braucht - vielleicht die Tür aufhalten, wenn jemand bepackt davorsteht? Oder in der Bahn die Tasche vom Nachbarsitz hochnehmen, wenn es voll wird? Eigentlich ganz einfache Dinge, die aber eine große Wirkung haben. Das sind „Friedensköder“: Worte und Taten, die aus uns das hervorholen, was dem Frieden dient. Dieses Wort muss nicht Wort des Jahres werden, aber wenn wir es umsetzen, hat es Auswirkungen.
Michael Fendler, Schulpastor an der Berufsbildenden Schule 1 in Uelzen